Marian Walter, 40 Jahre alt, Berliner Kammertänzer, bis 2019 Principal des Staatsballetts, seitdem wie Polina Semionova Principal Guest und auf jeden Fall ein Publikumsliebling erster Ordnung ... dieser höchst erfolgreiche Tänzer laboriert an Long Covid. Quält sich mit den Folgen einer Corona-Infektion herum, die er sich im November 2020 einfing. Und muss damit rechnen, dass er vielleicht nie wieder eine der Rollen tanzen kann, die er sich im Lauf seiner Karriere erobert hat: die Prinzen und Aristokraten von «Giselle» über «Schwanensee» und «Dornröschen» bis zum «Nussknacker» (in gleich drei verschiedenen Fassungen), John Crankos Romeo, seinen «Onegin» – sowohl den Titelhelden als auch den Lenski. Corona hat fast alle deutschen Tanzkompanien irgendwann ausgeknockt. Über die Folgen wird erstaunlich wenig gesprochen. Ist es ein neues Tabuthema? Mancherorts jedenfalls wurden Rekonvaleszenten ohne Pardon auf die Bühne beordert – ohne ausgiebigen medizinischen Check (S. 58). Andernorts wurde der Probenbetrieb unter Bedingungen fortgesetzt, die der fröhlichen Weitergabe des Virus Vorschub leisteten – solange, bis Ensemblemitglieder sich zur Wehr setzten. Klar, jede abgesagte Vorstellung ist ein Schlag ins Kontor, aber das Health Management muss Vorrang haben vor allen anderen Erwägungen. Denn was passieren kann, wenn der Körper eines athletisch top trainierten Künstlers mit Covid-19 im Dauerclinch liegt, das zeigt sich exemplarisch an Marian Walter. Der sich im Übrigen bei seiner Frau, der Staatsballett-Ballerina Iana Salenko, angesteckt hat – im Lockdown. Während sie nach ein paar Tagen wieder auf den Beinen war, hat er 18 lange Monate nicht trainiert. Eine halbe Ewigkeit. Ob er bereit ist, über seine Erfahrung zu sprechen? Ist er. Was man ihm hoch anrechnen muss. Als Mensch, als Balletttänzer, der nicht das erste Mal mit seiner Physis hadert. Aber existenzieller als je zuvor.
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Im Frühjahr 2021 muss Marian Walter erkennen, dass seine Covid-Infektion nicht einfach verschwinden wird. Symptome wie Schwindel, Kopfschmerz und Augendruck plagen ihn über Wochen hinweg, er kann nicht trainieren. Er ist schnell erschöpft, hat wenig Ausdauer, aber ganz besonders macht ihm die Veränderung seines Geruchs- und Geschmackssinns zu schaffen: «Die Welt stinkt. Riecht ungut. Mein eigener Schweiß ist unangenehm. Und wenn ich einkaufen gehe, dann habe ich einen Geruch nach verdorbenem Döner in der Nase.» Selbst Wasserdampf, der aus Kochtöpfen mit Reis, Nudeln oder Kartoffeln aufsteigt, erregt Übelkeit: «Den Reiskocher mussten wir ins Freie stellen, und am allerschlimmsten ist Hühnchen.» Alles schmeckt anders, vieles gar nicht mehr. Was bleibt, ist eine sehr kleine Palette: «Quark, asiatische Nudeln, gebratene Kartoffeln ... drei, vier, fünf Sachen mehr. Und Cola.» Alles andere als eine gesunde Ernährung und für einen Tänzer natürlich viel zu wenig, qualitativ und quantitativ.
Manchmal, sagt Marian Walter, packt ihn die Verzweiflung: «Man liest was, probiert es aus, aber nichts hat bisher funktioniert.» Nach entsprechender Lektüre hat er sogar schon eine Biene gefangen, in ein Glas gesteckt und darauf gewartet, dass sie ihn in den Oberschenkel sticht. Sie tat es nicht. Als wir uns treffen, hat er immerhin zum ersten Mal wieder auf der Bühne gestanden: in der Ukraine-Benefiz-Gala «Ballet for Life», die Iana Salenko im Admiralspalast federführend organisiert hat. An ihrer Seite hat er einen augenzwinkernden Pas de deux von Roland Petit getanzt – leicht und schwerelos, als wäre nichts geschehen. «Das geht, weil ich mir das Pensum selbst einteilen kann. Aber drei Tage davor wollte ich alles hinschmeißen. Die Zweifel sind groß.» Marian Walter ist im Wartestand. Er kann nichts erzwingen, muss sich gedulden. Der feste Vertrag ist ihm 2019 gekündigt worden, wie bei so vielen: um den Eintritt der Unkündbarkeit zu verhindern. Als Gast ist er an der Bismarckstraße hoch willkommen, man wartet darauf, dass er endlich wieder tanzen kann und will. Er selbst ist sich gar nicht mal sicher, ob das wirklich eine gute Idee wäre: «2019 war ich auf dem Höhepunkt. Dann war ich weg. Ich muss nicht partout einen großen Abschied haben.»
Den gesamten Beitrag von Dorion Weickmann lesen Sie in tanz 7/22
(Portrait: Strempel‘s Photography Services)