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Ein Stück Heimat

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov im Interview

Waren Sie überrascht über die riesige Unterstützung seitens vieler deutscher Theater und Opernhäuser nach Ihrer Verhaftung?
Ich habe es nicht erwartet. Es war einfach berührend, auch in seiner Leidenschaft. Ich war nahezu sprachlos, ich habe geweint. Und ich würde, wenn ich es könnte, gerne all diesen Menschen persönlich sagen: «Vielen Dank!» (auf Deutsch). Die Unterstützung hat mir sehr viel Kraft gegeben, diese schwierige Zeit zu überstehen, meine Arbeit zu machen und eben nicht meinen Humor zu verlieren.

Wie ist Ihre Beziehung zu Deutschland?
Ach, das ist eine lustige Geschichte: Vor 2009 war ich nie in diesem Land. Als es im Gymnasium um die zweite Fremdsprache ging, haben meine Eltern gesagt: «Alles, nur nicht Deutsch! Es ist die Sprache unserer Feinde, es ist die Sprache der Nazis.» Also lernte ich Französisch. Meine Eltern waren Kinder des Krieges. Sie haben den Krieg leibhaftig miterlebt. Als ich 2008 ein Theaterstück für das Lettische Nationaltheater in Riga schreiben musste, entschied ich mich spontan, das in Berlin zu tun, einem Ort, an dem ich nie war. Ich fand ein Apartment am Hackeschen Markt in Mitte, in einem Hochhaus, das schon zu DDR-Zeiten dort gestanden hatte, in der obersten Etage, mit einem wunderbaren Ausblick und karger Ausstattung: Tisch, Bett, Stuhl, das war’s. Ich hatte zwei Wochen Zeit, es gab eine Deadline. Ich fing an, zwischendurch ging ich spazieren, fuhr mit dem Fahrrad durch die Stadt, und plötzlich hatte ich das seltsame Gefühl, ich sei schon einmal dort gewesen. Es war verrückt. Ich kannte die Straßen, die Menschen ... Als mir wenig später ein Freund riet, Geld zu investieren und eine Wohnung zu kaufen, was in Moskau unmöglich war, weil es wahnsinnig teuer war, entschied ich mich erneut für Berlin. Und kaum hatte ich das Apartment gekauft, sah Barrie Kosky meine «Dreigroschenoper»-Inszenierung in Moskau und lud mich an die Komische Oper ein, um «American Lulu» zu inszenieren; Thomas Ostermeier bot mir an, meine Regiearbeiten an der Schaubühne zu zeigen, und plötzlich hatte ich viele Freunde in Berlin. Es war ein Stück Heimat, mein zweites Zuhause. Und mein größter Schmerz ist es, die deutsche Sprache nicht zu beherrschen. Aber ich arbeite daran.

Werden Sie irgendwann nach Russland zurückkehren?
Früher oder später – ja. Im April und Mai war ich für «Freischütz» in Amsterdam, demnächst geht es zum Festival nach Avignon, wo wir Tschechows «Der schwarze Mönch» zeigen. Ein riesiges Kompliment. Ich bin der erste russische Regisseur, dem man angeboten hat, das Festival im Palais des Papes zu eröffnen. Und auch für danach gibt es Pläne

Das klingt eher nach einem dauerhaften Abschied von der Heimat …
Russland befindet sich im Krieg. Krieg ist nichts als Gewalt, also das Gegenteil von Liebe. Und Teil irgendeiner Gewalt zu sein, ist für mich aus vielen, auch künstlerischen Gründen unmöglich.

Das gesamte Interview von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 7/22