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Am Anfang war der Tanz

Die Schauspielerin Vassilissa Reznikoff

Vassilissa Reznikoff wurde in der Pariser Vorstadt geboren und wuchs dort mit zwei Schwestern auf, Vater: Mathematik- und Philosophie-Professor mit ukrainisch-russischen Wurzeln, Mutter: gebürtige Deutsche mit tschechischen Wurzeln. In einer «super multikulturellen Umgebung» sei sie groß geworden, «wir hatten immer sehr viel Besuch von internationalen Menschen, alles sprachlich total wild und gemischt». Reznikoff beherrscht zwei Muttersprachen: deutsch und französisch.

Von klein auf ging sie zum Ballett, wollte Tänzerin werden. Mit elf Jahren entschied sie sich, nach Hamburg an das Ausbildungsinternat des Balletts von John Neumeier zu gehen. Und dann mit 14 nach Berlin, auf die Staatliche Ballettschule. Selbstständig, fern der Familie. Es gab keine andere Option, dennoch würde sie niemandem empfehlen, schon so jung von zuhause auszuziehen. «Weil man da bei aller Wildheit auch was verpasst, kein Umfeld hat, in dem man sich geborgen fühlt, keinen Ankerpunkt, zu viel Verantwortung für sich selbst tragen muss», erklärt sie. In Berlin suchte sie sich auch selbst die Unterkünfte. Immer wieder war da dieses Gefühl, «falsch zu sein». «Ich kam an in eine WG, dachte, super, das will ich, dann stehe ich in meinem Zimmer mit meinen Koffern und Decken und denke, das geht ja gar nicht, ich muss hier weg.» Mittlerweile habe sie dank guter Freunde aber gelernt, dass man seine Sachen erstmal auszupacken und sich auf die neue Situation einzulassen hat. Geduld zu haben. Man könne nicht immer nur ein Hochgefühl nach dem anderen jagen, sagt sie. Weil das Leben so nicht funktioniere.

Mit 16 kam dann die große künstlerische Krise: «Ich spürte: Das klassische Ballett war nicht mehr meine Form. Ich habe extrem gekämpft, um drinzubleiben und da reinzupassen. Aber ich war damit nicht mehr glücklich. Das klassische Ballett ist eine sehr genaue körperliche Form, in die nichts anderes reinpasst als diese Perfektion, die man klar definieren kann. Eigentlich ist der künstlerische Ausdruck nur das i-Tüpfelchen oben drauf. Ist toll, wenn es da ist, aber erstmal muss die Technik stimmen.» Es sei ihr nicht leichtgefallen, den Schlussstrich zu ziehen. «Es war ein langer, schmerzhafter Prozess. Das ist ja eine ganz eigene Welt, in die man da hineinwächst, eine Heimat.»

Dass sie mit dem Tanz erwachsen wurde, wird ihr Körper freilich nie vergessen. Man merkt die lange körperliche Disziplinierung auch der Schauspielerin an: ihrer aufrechten Haltung, ihrer Körperkontrolle, den feingliedrigen Bewegungen, ihren genauen Handbewegungen. Sie tanze ja auch immer noch, nur eben nicht mehr klassisch, erklärt sie. Als Ausgleich zum fordernden, anstrengenden Theaterberuf trainiert sie regelmäßig Poledance und unterrichtet ihn auch. «Wenn ich da kopfüber an der Stange hänge und allerlei akrobatische Sachen mache, da kann ich wirklich an nichts anderes mehr denken. Das empfinde ich als sehr befreiend.»

Reznikoff ist nach dem Abbruch der Ballettausbildung in Berlin geblieben. Hat gejobbt, sich dann entschieden, das Abitur zu machen. An einer internationalen Schule mit englischsprachigem Abitur. «Eigentlich konnte ich gar nicht so gut Englisch», lacht sie, «aber ich habe mir wohl eingebildet, dass mir das Abi weniger schwerfällt, wenn ich etwas habe, an dem ich mich abarbeiten muss. Das hat mir weniger Angst gemacht als eine ‹normale› Schule.» Auch auf der Bühne sei das heute so: «Mir machen Rollen und Stoffe, in denen ich an meine Grenze gehen muss, oft weniger Angst als andere. Weil ich weiß, dass auf der anderen Seite der Angst immer etwas ist, dem zu begegnen sich lohnt. Das ist für mich angenehmer, als wenn alles so einfach ist.»

Das gesamte Porträt von Verena Großkreutz lesen Sie in Theater heute 7/22