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Komplett sinnlos?

Empirische Ästhetik und die Körperkunst

Julia F Christensen hat zwei Passionen: Das Denken und das Tanzen. Als Teenagerin will sie Profitänzerin werden. Ein Sturz beendet den Traum. «Es war kein Unfall während des Trainings, sondern einfach eine blöde Treppe.» Sie verletzt sich den unteren Rücken schwer. Bis heute habe sie bei bestimmten Bewegungen Probleme. Daraufhin verbannt sie das Tanzen erst einmal aus ihrem Leben. Sie studiert Neurowissenschaften und Psychologie, erst in Frankreich, dann an einer kleinen Universität auf den Balearischen Inseln, Mallorca, promoviert, geht nach England ans renommierte University College London. Sie spricht mindestens fünf Sprachen: Englisch, Spanisch, Französisch, Deutsch, wobei der kleine charmante Akzent vom Dänischen stammt, ihrer Muttersprache. Da verbirgt sich wohl eine Intelligenzbestie in dieser fast schüchtern auftretenden, so sorgsam feminin gekleideten und geschminkten Frau! Im Gespräch inszeniert sie sich allerdings wenig als «Frau Doktor» und Topwissenschaftlerin. Vielmehr schreitet sie neben mir mit super aufrechtem Ballerinen-Rückgrat einher und verwendet immer wieder eine Formulierung: «Wir Tänzerinnen und Tänzer» – noch immer steckt die Künstlerin in ihr. Als sie aus der Tanzwelt in die Nicht-Tanzwelt wechselte, meint Christensen, sei ihr aufgefallen: Menschen, die nicht tanzen, denken anders. Und das sei für die Nicht-Tänzer von Nachteil. So waltet eine strikte Dichotomie im Kosmos von Julia F Christensen: Da ist die Welt der Tänzer*innen. Dort die Welt der Nicht-Tänzer*innen. Eine davon ist reicher, beglückender, gesünder. Jede ihrer Studien beweist es.

«Tanzen ist ein Balzritual.» Julia F Christensen rollt die Augen, wenn sie das sagt. Der Satz nervt. Sie musste ihn schon viel zu häufig hören. Von Wissenschaftlern, die ihre Fragestellungen mit dieser Annahme abtun. Von Geldgebern, die ganz selbstverständlich in die Erforschung der Musik investieren – aber warum denn in Tanz? So publiziert Christensen 2017 ein Paper: «Not all about sex – neuro and biobehavioral functions of human dance». Darin straft sie all jene Lügen, die behaupten, Tanzen habe nur eine Funktion (Verführung zur Fortpflanzung), holt aber erst mal die Kritiker ganz verständnisvoll ab: «Tanzen ist, evolutionär gesehen, etwas komplett Sinnloses», so Christensen. «Es verbrennt sehr viele Kalorien und es macht uns sichtbarer für Angreifer.» Trotzdem haben Archäologen nachgewiesen, dass prähistorische Felsmalereien überall auf der Welt vier Themen wiederholen: Szenen über Essen, Familie, Sex und eben: Tanz. «Der Mensch ist ungefähr 200 000 Jahre alt. Was glauben Sie, wie sehr hat sich unser Gehirn verbessert seitdem?», fragt mich Christensen, jetzt doch ganz Dozentin, offenbar hat meine Rolle als strebsame Probandin unsere Beziehung verändert. «Gar nicht», antworte ich brav. «Genau! Wir tragen ein Steinzeitgehirn zwischen unseren Ohren. Und das hätte es gern, dass wir viel durch den Körper kommunizieren. In unserer modernen Welt aber sitzen wir die ganze Zeit und merken gar nicht, wie viel Stress das auslöst.» Was helfen könnte? Okay, schon klar, die Antwort kennen wir. 2018 veröffentlicht Christensen gemeinsam mit dem koreanischen Kognitionswissenschaftler Dong-Seon Chang ihr Buch «Tanzen ist die beste Medizin». Ein 300-seitiges Traktat über die Wunderwirkungen des Tanzes: Hilft bei Depressionen, Stress, Gewichtsproblemen, Rücken- und alle sonstigen Gelenkbeschwerden, Parkinson (hier besonders gut: Argentinischer Tango!). Hilft unserem Immunsystem, dem Teamgeist und, ja ja, schon auch der Liebe.

Den gesamten Beitrag von Nicole Strecker lesen Sie in tanz 7/22 tanz 7/22