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Befreit

In memoriam Teresa Berganza

Zum Höhepunkt ihrer Karriere wurde eine Rolle, die sie zunächst nicht hatte singen wollen, weil sie die Figur als Zerrbild der spanischen Frau kennengelernt hatte – Carmen. Aus einem Brief, den sie an Peter Diamond, den Leiter des Edinburgh Festivals schrieb (und der im Beiheft der Abbado-Aufnahme abgedruckt ist), geht hervor, dass sie Carmen aus den Wunschvorstellungen von Männerfantasien befreien und sie als Frau zeigen wollte, die in der Liebe viel ehrlicher ist als Donna Anna. Dass die Auseinandersetzung mit dieser Partie dazu führte, dass sie sich aus dem «Joch» einer langen Ehe von ihrem Mann (und Klavierpartner) Felix Lavilla befreite, dessen Wort lang für sie «Gesetz» gewesen war, dürfte eine ebenso erschreckende wie glückhafte Selbsterfahrung (im Sinne einer Selbstfindung) gewesen sein. Ihre Diskografie ist reich, ja überreich an jenen magischen kleinen Dingen, die uns dauerhafter entzücken als zu Schlagern abgesunkene Bravourstücke.

Was gäbe es innig-zärtlich Schöneres als des Paris Arie aus Glucks «Paride ed Elena»: «O del mio dolce ardor» – ein Wunder klassisch reinen Singens mit einem Klang von mattgoldenem Schimmer! Wahre Schatzkammern sind ihre Aufnahmen aus dem spanischen «Il siglo d’oro», die sie mit dem wunderbaren Gitarristen Narciso Yepes realisiert hat; ebenfalls die von spanischen Liedern des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts, etwa der «en stile antigue» komponierten Tonadillas von Granados, einer Hommage an Goya, oder die von Ravels voluptuöser Orientfantasie «Shéhérazade», in der sich die Stimme in eine zauberische «flute enchantée» verwandelt. Am 13. Mai ist Teresa Berganza im Alter von 89 Jahren in San Lorenzo de El Escorial gestorben.

Den gesamten Nachruf von Jürgen Kesting lesen Sie in Opernwelt 7/22