Im Theater
Aus der Rede zur Eröffnung der Autor:innentheatertage des Deutschen Theaters
Und hat das Schreiben wie das Theater selbst etwas rauschhaft Dezentrierendes. Man schlüpft im Schreibakt aus sich selber raus und rein da in den Text, schlüpft rein in andre Stimmen, in Situationen, in Gedanken, die einem selbst erst fremd. Man möcht fast meinen, das Schreiben ist von großer Schlüpfrigkeit. Hannah Arendt würde sagen, man lehnt sich aus sich selbst, um zwei in einem dann zu sein. Dieses aus sich selbst Rausschlüpfen ermöglicht erst, sich zu sich selbst dann zu verhalten. Vielleicht sich all der Dummheit einer rein subjektiven Sicht bewusst zu werden. Da aus dem Text heraus sich selber sehen, wie man hinein starrt in den Text. Viel von dem Unterhaltungs- und Erkenntniswert des Schauspiels kommt von diesem Schlüpfen, in Rollen schlüpfen, in aufwendigste Kostüme, in Masken schlüpfen, in andre Perspektiven, in andre Köpfe schlüpfen, in eine Denke reinschlüpfen, die nicht die eigne sein muss. Um dadurch vielleicht, wenn wir Glück haben, auf die blinden Flecken unsrer eigenen Perspektive dann zu stoßen. Und obwohl, oder gerade weil das Theater meist mit offenen Karten spielt, den Trick schon ansagt, das Fingieren offen ausstellt, kriegt es uns doch, weil eben nicht die täuschend echte Illusion, dass da jemand als Hamlet auftritt, interessant ist, sondern zu sehen, wie jemand in diese Hamletfigur hineinschlüpft.
Wie legt jemand eine Figur an, wie schlüpft er oder sie da rein in diese Puppe aus Sprache oder auch umgekehrt, schlüpft vielleicht eher die Sprachpuppe da in den Schauspieler, die Schauspielerin hinein. Theater, wenn es gelingt, schafft es immer wieder, uns zum Perspektivenwechsel zu verführen, um uns darin aber unsrer eignen Vorurteile bewusst zu werden. Und hat mitunter auch dann etwas Peinliches, oder auch Komisches, oder auch etwas peinlich Komisches dieser Moment, an dem wir dann wieder merken, wie wir uns selber auf den Leim gegangen sind. Aber da, in diesem peinlich komischen Moment, liegt ein Fünkchen unmittelbarer Erkenntnis oder sogar Selbsterkenntnis dann begraben. Der Moment, der uns erkennen lässt, dass wir vieles nicht erkennen, ja niemals aus unsrer Ich-zentrierten Sicht erkennen können. So ist das nun einmal mit diesen Vorurteilen, den gänzlich internalisierten. Doch an dem Punkt, an dem man sich der eigenen Vorurteile nicht mehr bewusst werden will, an dem Punkt, an dem man nicht mehr akzeptieren will, dass es Vorurteile gibt, die man aus sich selbst heraus nicht wahrnimmt, für die es ein Gegenüber braucht, einen anderen Blickwinkel, an diesem Punkt kommt eine Hölzernheit dann ins Theater. Dort wird, was eigentlich ein Spiel sein sollte, zu lieblos im Bühnenraum abgestellten Posen, die nirgends mehr landen, die jedes Flimmern verloren haben. Theater jedoch, das sich einer Gegenwart verschrieben hat, muss leichtfüßig bleiben, muss Formen, Stimmen, Figuren finden, die eine Gelenkigkeit da auf die Bühnenbretter zaubern.
Den gesamten Beitrag von Ferdinand Schmlaz lesen Sie in Theater heute 7/22