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Patriarchat & Produktionsdruck

Berlins Kultursenator Lederer über anfällige Theaterstrukturen

Mangelnde Diversität und Diskriminierungssensibilität an den Stadt- und Staatstheatern scheinen derzeit eine große Herausforderung und dringende Baustelle zu sein. Was genau hat an der Berliner Volksbühne, was am Gorki Theater nicht funktioniert?
Darauf gibt es nicht die eine Antwort. Auch wenn gerade viele solcher Vorkommnisse öffentlich diskutiert werden, sind sie, wenn man genauer hinguckt, nicht alle identisch. Was man wohl für die öffentlichen Bühnen allgemein konstatieren kann, sind neben den überkommenen hierarchischen Strukturen der wachsende Produktionsdruck und die schlechteren Arbeitsbedingungen aufgrund schrumpfender Ensembles, woraus dann wieder wachsende Konkurrenz im künstlerischen Feld resultiert. Der NV Bühne etwa macht aus den künstlerisch Beschäftigten – mit dem Argument der Kunstfreiheit – zumindest teilprekarisierte Menschen.

Es haben sich über die Jahre bestimmte soziale Umgangsformen etabliert – am einen Theater mehr, am anderen weniger –, während sich im Gefolge von #MeToo, #ActOut oder #BlackLivesMatter die Bereitschaft verringert hat, bestimmte Missstände hinzunehmen. Wo Reibungen existieren, regt sich jetzt Widerstand, und der wird öffentlich diskutiert. Und es stellen sich legitime Fragen wie die, ob die jährliche Kündbarkeit aus künstlerischen Gesichtspunkten nicht sehr anfällig für Missbrauch ist. Ob mit immer höherem Produktionsdruck und immer mehr Premieren bei gleichbleibenden Zuwendungen nicht in den Häusern der Druck zunimmt und sich ablagert in den Beziehungen der Menschen untereinander. Ob das Leitungsmodell, in dem Intendanz und Kaufmännische Leitung die gesamte künstlerische und budgetäre Verantwortung auf sich vereinen, überhaupt noch zeitgemäß und zukunftsfähig ist. Diese Diskussionen werden wir in Berlin jetzt führen. Dabei werden wir auch Akteur*innen einbinden, die sich erst in jüngerer Zeit gebildet haben, etwa das ensemble-netzwerk und Pro Quote Bühne, aber eben auch die Verbände der Freien Szene.

Schließlich gibt es die knallharten Formen unmittelbarer Machtausübung bis hin zu sexueller Übergriffigkeit oder rassistischer Diskriminierung. Offenbar reicht da der Kodex des Bühnenvereins bei Weitem nicht aus. Was aber mit Sicherheit vorbei ist, ist die Vergötterung von Genies, denen man bestimmte Umgangsformen durchgehen lässt. Das ist nicht akzeptabel.

Welche kulturpolitischen Mittel gibt es denn, um Diskriminierung vorzubeugen – an den staatlichen Institutionen, aber auch in der Freien Szene?
Die Frage, wie Macht weiter verteilt werden kann, muss diskutiert werden. Aber es wird sicherlich kein One-Size-Fits-all-Modell für alle Theater geben. Klar ist, dass die bisherigen Strukturen offenbar stark missbrauchsanfällig sind. Es gibt aber auch Personen, die damit sehr verantwortungsvoll umgehen. Sinnvoll wäre, an den jeweiligen Häusern einen entsprechenden Prozess auszulösen, der dazu führt, dass die Kolleg*innen dort jeweils selbst eine passfähige Form finden. Das wird sicher auch eine Herausforderung für die Träger der Einrichtungen.

Das gesamte Gespräch mit dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer von Eva Behrendt lesen Sie in Theater heute 7/21