Inhalt

Diener zweier Herren

Andreas Morell über Opernverfilmungen

Es hat immer wieder auch Versuche gegeben, Opern vollständig zu verfilmen. Würde Sie das interessieren?
Es kann ziemlich albern aussehen, wenn Sänger in der realen Welt herumstehen und singen. Ein Stück nur im Sinne eines ästhetischen Realismus zu verfilmen, würde mich deshalb nicht interessieren. Dann muss man eine zweite Ebene finden, wie es Jean-Pierre Ponnelle in seinen Opernfilmen getan hat, indem er zum Beispiel auch mal eine Arie nur im Kopf des Sängers stattfinden ließ. Oper ist eben doch eine Kunstform. Auf der Bühne bin ich bereit, das Aussehen von Sängern unabhängig von der Rolle zu akzeptieren. Im Film muss man realistisch besetzen, kann Produktionen aber andererseits nur über berühmte Sänger finanzieren. Das beißt sich manchmal. Da schaue ich mir dann lieber Filme von Aki Kaurismäki an, die ja auch oft etwas Opernhaftes haben.

Die Berliner Schaubühne hat in den vergangenen Monaten viele ältere Produktionen gestreamt, die ganz ohne Publikum gedreht wurden und dann eher wie Fernsehspiele wirkten.
Mit Dieter Dorn habe ich auch noch an Kleists «Amphitryon» drei Wochen lang in den geschlossenen Münchner Kammerspielen gearbeitet. Das war eine ganz andere Form der Konzentration. Man bekommt dann wirklich andere Bilder und kann auch die Schauspieler bitten, etwas für die Kamera anders zu spielen. Aber dafür gibt es inzwischen die finanziellen Mittel nicht mehr.

Sie haben 2017 in Halle ein Oratorium über Martin Luther selbst szenisch eingerichtet und danach auf DVD herausgebracht. War das einfacher oder schwieriger als bei einem fremden Regisseur?
Schwieriger, weil man gleichzeitig zwei Herren dienen muss. Als Bühnenregisseur wollte ich das Licht zum Beispiel so dunkel, wie ich es nie hätte abfilmen können. Außerdem konnte ich mich beim Schneiden nicht entscheiden, weil auch ich plötzlich immer alles zeigen wollte (lacht).

Wie sehr lässt sich das Ohr des Zuschauers lenken?
Was man sieht, hört man auch. Deshalb hole ich manchmal klangliche Details ins Bild, die man live im Konzert nie hört, die mich aber in der Partitur faszinieren.

Wenn man sich die ältesten archivierten Konzerte in der Digital Concert Hall anschaut, von den Berliner Philharmonikern unter Herbert von Karajan, dann sind da oft einzelne Orchestermusiker in Naheinstellungen zu sehen, was enorm erregt und pathetisch wirkt. Warum würde man das heute nicht mehr so machen?
Das war vor allem unglaublich aufwendig, hat sehr viel Zeit und Geld gekostet. Karajan hat die Musiker so platziert, dass sie genau hintereinander eine Reihe bildeten. Es gibt sogar das Gerücht, dass die auf den hinteren Plätzen kleinere Geigen spielten, damit das Bild tiefer wirkt. Aber dafür hatte man eine Woche oder zehn Tage Zeit. Heute hat man manchmal nur die Generalprobe am Morgen und muss am Abend live auf Sendung. Da geht’s dann nur noch ums Ankommen, nicht mehr um die Schönheit – leider.

Die Mitschnitte von damals überhöhen zweifellos auch Karajan durch die vielen Nahaufnahmen. Welche Rolle spielt der Dirigent für Sie?
Wenn ein Dirigent sein Handwerk versteht, beobachte ich ihn gern dabei, wie er organisiert. Dann versteht darüber auch der Zuschauer die Musik besser. François-Xavier Roth zum Beispiel hat eine klare und grafisch schöne Zeichengebung, den kann man eigentlich immer drehen. Bei Boulez war es ähnlich großartig zuzuschauen, auch wenn er sehr klein dirigiert hat, weil er so klar blieb, selbst bei kompliziertester Musik. Die Pultdompteure dagegen finde ich manchmal nicht so aufregend.

Das gesamte Gespräch mit dem TV-, Film- und Theaterregisseur
von Michael Stallknecht finden Sie in der Juli-Ausgabe von Opernwelt.