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Wenn der Schaden den Nutzen übersteigt

Über die schwierige Sicherheit in Theaterhäusern

Die Mehrzahl der deutschen Theater wurden zwischen 1870 und 1914 errichtet, oder sie wurden nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufgebaut – mit oftmals qualitativ minderwertigen Materialien. Eine erste Modernisierungs- und Sanierungswelle erfolgte in den späten 1970er- und 1980er-Jahren. Nach der Wende wurden die Theater der ehemaligen DDR an westliche Standards angepasst, auch neue Theater entstanden. Doch einige wurden auch geschlossen oder zusammengelegt, im Westen wie im Osten.

Nach und nach werden nun seit der Jahrtausendwende die alten Gebäude saniert, aber längst nicht in dem erforderlichen Tempo, das zum Erhalt der Häuser notwendig wäre. Viele, wie beispielsweise das Theater Augsburg, haben die erste Sanierungswelle verpasst und sind im Wesentlichen auf dem baulichen Stand der 1960er-Jahre.

Der Personalabbau und Privatisierungen bei den städtischen Bauämtern haben häufig zu mangelndem Bauunterhalt geführt, was den Verfall der Theater zusätzlich beschleunigte. Mangelhafte oder nicht mehr normgerechte Brandschutz- und Sicherheitsanlagen sind oft der Anlass für verfügte Schließungen – so in Augsburg 2016 –, die dann die Gemeinden aufrütteln. Hastige provisorische Renovierungen können kurzfristig Abhilfe schaffen, doch früher oder später kommt die Diskussion über die Grundsatzfrage Sanierung oder Neubau in Gang. Diese schlägt dann mitunter mehrere Volten, wenn beispielsweise Bürgerbegehren oder Regierungswechsel getroffene Entscheidungen umwerfen und die Diskussion um die Höhe der zu bewilligenden Mittel immer wieder von vorn aufgerollt wird.

So wird nach vielem Hin und Her in Augsburg das Theater saniert und durch einen Neubau ergänzt – der zunächst geplante komplette Neubau wurde verworfen.

Wie kommt es zu den mitunter hohen Kosten? Einen wesentlichen Anteil daran tragen die veränderten Sicherheits- und Arbeitsschutznormen. 30 bis 40 Prozent der Kosten entfallen auf Haustechnik und Brandschutz, etwa ein Fünftel mehr an Raumbedarf ist für breitere Fluchtwege, größere Klimaanlagen oder Absauganlagen zu berücksichtigen. Die 2000 Gesetze, die auf Theater angewendet werden müssen, wurden nicht unbedingt für Theater gemacht. Beispiel Brandschutz: Die Bühnentürme sind nicht mehr aus Holz gebaut, Stahl, Beton, die Böden, Kabel und Dekors alle mit nicht entflammbarem Schutz versehen; Feuerwehren können dank moderner Meldesysteme innerhalb kürzester Zeit vor Ort sein. Trotzdem verfügen die Bühnen über Sprühflutanlagen, die innerhalb von Minuten Tausende Liter Wasser freisetzen.

Als Konsequenz aus dem Brand der Alten Oper in Frankfurt 1987 wurde deren Auslösung automatisiert. In der jüngeren Vergangenheit führten Fehlauslösungen jedoch zu immensen Wasserschäden. Einer der letzten spektakulären Fälle passierte in der Deutschen Oper Berlin, wo die Sprühflutanlage am 24. Dezember 2018 versehentlich durch eine Reinigungskraft ausgelöst und die gerade fertiggestellte neue Bühnenanlage unter Wasser gesetzt wurde. Theater brennen nicht mehr, die Gefahr liegt eher in ihrer Überflutung.

Den gesamten Beitrag von Karin Winkelsesser
finden Sie in der Juli-Ausgabe von Opernwelt.