Inhalt

Von Humor getrieben

Die Schauspielerin Stella Hilb

Konzentriert und ruhig wirkt Stella Hilb, wenn sie einem beim Kaffee gegenübersitzt. Sie wägt ihre Antworten ab, spricht überlegt und mit einem Hauch Hessen in der Stimme. Selbst als sie einige unfassbare Anekdoten aus den Untiefen des Theaterbetriebs erzählt, als sie von schreienden Regisseuren und schrecklich stillen Schauspielstudentinnen berichtet, von unsäglichen Vorsprechen vor Kette rauchenden Intendanten, von der Begegnung mit einem jüdischen Rabbiner, der sie von Beschneidungsritualen mithilfe von Skalpell und Kerzenwachs zu überzeugen suchte, oder von abstrusen Filmrollenangeboten – «und dann gibt es diese eine Stelle in dem Drehbuch, in der die Figur von der KI, die dann zu einem Toaster wurde, vier Mal durchgenommen wird», – tut sie dies mehr mit einem ehrlichen Erstaunen als mit gezielter Pointen-Setzung. Noch absurder und plastischer wird dadurch das Erzählte. «Es ist ja auch so, wenn man etwas Lustiges spielt, ist man ganz ernst, sonst ist es ja auch nicht lustig.» Stimmt.

Da ahnt und versteht man ihre Liebe zu Charlie Chaplin und Buster Keaton. Jenen komischen Helden, die wider allen Regeln der Vernunft über die größten Katastrophen triumphieren und den Zuschauer:innen durch ihren Witz und ihren Wagemut die Möglichkeit geben, nicht sie, sondern die Katastrophen zu verlachen. «Sie sind so pur, ernst und lustig gleichzeitig und so wahnsinnig präzise», schwärmt Hilb von den Stummfilmkollegen und beschreibt damit zugleich ihr eigenes Spiel. Nicht nur in «The Making-of», sondern auch, wenn sie in der von Clara Weyde genau choreografierten Inszenierung «Frankenstein oder Eine Frischzellenkur» als eine von Mary Shelleys Gehirnzellen über die Bühne stakst und man ihr erneut den riesigen Spaß an allem Grotesken ansieht, an allen absurden, exakten Slapstick-Bewegungen, an großer und schreiend lauter, wunderbarer Übertreibung. Und selbst dann, wenn sie als Tante Juli in «Ein Mann seiner Klasse» fast beiläufig Schnoddrigkeit mit Genauigkeit vereint, Tragisches mit Komischem.

Von Hilbs Offenheit, ihrer Professionalität, ihrer Durchlässigkeit, ihrer Unverstelltheit, ihrem unbedingten Willen zur Hingabe und zur Aufrichtigkeit erzählen Regisseur:innen und Schauspielkolleg:innen. Und immer wieder von ihrem Humor. Er ist zentraler Teil ihres Spiels. Er verweist auf Charlie Chaplin und Slapstick, erzählt von Witz, Groteske und Übertreibung und auch von einer besonderen Überlebensstrategie. Er steckt in Tante Juli, in Mary Shelley, in Anna, Gordon und in Stella Hilb, die auf die Frage, was sie hat Durststrecken überwinden lassen, ganz ernst antwortet: «Wahrscheinlich hat mich, neben der Spielwut, hauptsächlich der Humor getrieben und geholfen, durchzuhalten.»

Das gesamte Porträt von Katrin Ullmann lesen Sie in Theater heute 6/22