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Ein haptischer Lüstling

Die Regisseurin Nadja Loschky

Wie gehen Sie an ein Stück heran? Intellektuell? Emotional? Fantasiegesteuert?
Ich bin ein haptischer Lüstling. Ich werde zwar immer ausgelacht (holt ihr dickes, vollgeschriebenes Notizbuch hervor) und besitze inzwischen auch ein iPad, aber mein Notizbuch ist mir heilig. Diesen Vorgang des Schreibens brauche ich, schon in der Schule habe ich so gelernt und auf diese Weise verinnerlicht.

Aber wie entsteht die Idee?
Ich habe das große Glück, dass Musik bei mir Bilder auslöst. Das verbindet sich später mit dem Text, weil es in einen Kontext gestellt wird, aber zunächst ist die Musik meine Partnerin; sie ringt meinem Unterbewusstsein diese Bilder ab und lässt sie aufscheinen. Wenn ich mich heute an ein Stück heransetze, versuche ich im ersten Schritt gar nicht so sehr, das Stück zu durchleuchten, sondern ich lasse mich von den Klängen inspirieren. Ich kann als ehemalige Trompeterin natürlich Noten lesen, bin aber nicht imstande, eine komponierte Partitur beim Lesen auch tatsächlich im «inneren Ohr» zu hören. Deswegen kaufe ich mir verschiedene Aufnahmen, und dann höre ich so viel wie möglich, während ich spazieren gehe oder Fenster putze, also Tätigkeiten ausübe, bei denen ich abgelenkt bin und nicht starr-steif vor dem CD-Player sitze. Das erzeugt eine für mich notwendige Durchlässigkeit. ...

... 

Erst wenn ich die spüre, arbeite ich das Libretto und die Partitur konsequent durch. Wichtig ist dabei das Team. Ich bin ein großer Fan von Teamwork, einfach weil ich den Dialog brauche. Wenn ich gut funktionieren soll, tue ich es im Dialog mit meinem Team. Theater ist kein Buch, das jemand (allein) schreibt, es ist ein Kollektiv und funktioniert auch nur als Kollektiv. Und eben das macht für mich auch den humanistischen Aspekt von Theater aus: dass man gemeinsam an einem Thema «arbeitet» und als Gruppe bestenfalls in einen Erfahrungsprozess kommt. Es ist schließlich nicht so, dass wir dem Publikum die Weisheit auf Löffeln präsentieren. Wir lernen selbst anhand der Stücke. Es ist alles ein Austausch ...

Das gesamte Interview von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 6/22