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Rezensionen Juni 2022

Neumeier: «Dornröschen» in Hamburg

Als hochästhetisches, tänzerisch beeindruckendes Nachdenken ist der Abend ein Genuss. Die Ensembleszenen insbesondere im langen Schlussteil des Hochzeitsfestes: ein Ausweis der Qualität des Hamburger Corps de ballet. Die komödiantischen Szenen, in denen Christopher Evans den Hoftanzmeister Catalabutte als Balletthandwerker mit Hang zur Eitelkeit zeichnet: ein Hinweis, wie inhaltlich genau Neumeier an den Figuren arbeitet. Die Duette von Edvin Revazov und Anna Laudere als Königspaar: die freundliche Ironie eines Ballettintendanten, der es sich angesichts seines optimal eingespieltes Ensembles leisten kann, zwei Weltstars in Nebenrollen zu besetzen. Am Ende bleiben zwei Tänzerpersönlichkeiten, die dieses «Dornröschen» zum großen Abend veredeln: Praetorius, mit ihrer Eigenwilligkeit und Kratzbürstigkeit bei gleichzeitig atemberaubender Technik. Und Trusch, der trotz langer handlungsarmer Passagen nahezu ständig präsent ist, ein Beobachter, der einer künstlerischen Offenbarung beiwohnt, an der er nicht wirklich beteiligt ist, sie aber gleichzeitig mitspürt. Und plötzlich versteht man, weswegen «Dornröschen» für Neumeier so wichtig ist, dass er das Stück gegen Ende seiner Intendanz noch einmal überabeitet hat: Truschs Désiré, das ist Neumeier selbst. Ein Mensch von heute, der staunend und begeistert vor dieser Zauberwelt des Petipa-Balletts aus dem 19. Jahrhundert steht.

Die gesamte Rezension von Falk Schreiber lesen Sie in tanz 6/22