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Rezensionen Juni 2022

Christoph Marthaler: «Der letzte Piff – ein Drehschwindel» in Basel

Ein Abend über Mordopfer im Fernsehen sollte dieser Marthaler wohl einmal werden. Aber dann kam Verschiedenes dazwischen. Zuerst das Coronavirus, das sich «nacheinander bei fast 100 Prozent aller Mitwirkenden einfand und breitmachte», wie ein Einlegeblatt im Programmheft erklärt. Lediglich eine Probe mit allen Beteiligten habe es deshalb gegeben. Und dann kam der Ukrainekrieg. Das erklärt das Programmheft nicht, das sollte das Publikum schon selbst wissen. Ein lustiger Abend über das Töten wirkt plötzlich völlig deplatziert – just am Tag der Premiere sterben mindestens 50 Menschen bei einem Bombenangriff auf dem Bahnhof von Kramatorsk.

Der Abend wurde ein anderer. Ein feiner, leiser, zuweilen komischer, meist sehr trauriger Abend über die Traurigkeit und das Sterben. Über Menschen, die dem Wahn anheimfallen, und man weiß einfach nicht, was dagegen und mit ihnen tun. Da stehen sie einmal alle elf an der Rampe, nur ihr Musiker Bendix Dethleffsen ist nicht zu sehen. Ganz leise singen sie John Jeromes «You, me and us / We are my favourite people». Dann werden sie noch leiser, ihr Singen wird Hintergrundgeräusch und lässt die Schauspieler:innen aussehen wie gestrandete, nach Luft schnappende Fische. Dann sprechen immer zwei miteinander. Über die Traurigkeit, an der sie leiden. Manche leiden an der grauen Traurigkeit, der Traurigkeit der Heftklammern, Gummiringe und Eichhörnchen. Andere an der weißen Traurigkeit, der der Zähne, Knochen und Sterne.

Es scheint übrigens, als seien weder Marthaler-Publikum noch -Kritiker gewillt, ihrem Maestro in die Trauer zu folgen – der Premierenapplaus fiel überaus mager aus, und in vielen Kritiken kam das Wort «Ukrainekrieg» überhaupt nicht vor. Wer diese Deutung negiert, der sieht einen völlig disparaten Abend – und genau das war der Tenor vieler Kritiken. Wer das nicht macht, sieht immer noch einige Szenen, die quer in der Landschaft stehen. Aber auch einen Abend, der still und verzweifelt fragt, wie man noch froh sein kann angesichts des viel zu nahen Leids.

Die gesamte Rezension von Valeria Heintges lesen Sie in Theater heute 6/22