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Eine neue Raymonda

In Amsterdam stellt Rachel Beaujean ihre Version des Klassikers vor

Was für eine Tänzerin! Jede Bewegung fließt bis in die Fingerspitzen, und ihre Blicke sprechen Bände. Olga Smirnova ist wie geschaffen für die Rolle der Raymonda, eine klassische Ballerina comme il faut; und sie verkörpert die filigrane Fürstentochter in dem gleichnamigen Ballett von Alexander Glasunow voller Hingabe – wobei sich gerade diese Hingabe im Verlauf der Vorstellung völlig verändert. Man könnte im Zusammenhang mit der Amsterdamer Erstaufführung fast schon von einem Initiationsprozess sprechen, den Rachel Beaujean mitsamt ihrem Team subtil, aber durchaus logisch in Szene setzen, ohne dass die Originalchoreografie von Marius Petipa aus dem Jahr 1898 (soweit sie sich erhalten hat) darunter erkennbar leidet.

Über zwei Jahre lang haben Rachel Beaujean und Grigori Tchitcherine, ein ehemaliger Solist des Mariinsky-Balletts, die Stepanov-Notate aus dem Jahr 1898 studiert und mit der Aufführungstradition abgeglichen. Nur so konnten sie sich eine Vorstellung davon machen, wie das dreiaktige Ballett einmal war, was daraus wurde, und was es weiterhin sein sollte: nämlich ein Meisterwerk, das auch unter politisch veränderten Voraussetzungen die ganze Kunst seines Schöpfers Marius Petipa offenbart und sich dabei stets im Einklang weiß mit Glasunows Musik. Denn die gehört zweifellos zum Schönsten, was jemals für das Ballett geschaffen wurde. Unter den Händen von Vello Pähn entfaltet sie auch in Amsterdam ihren dunkeltönigen, warmherzigen Klang.

Verschlankt und zugleich um stimmige Szenen ergänzt, kann sich die Aufführung in jeder Hinsicht sehen lassen. Ganz auf das Tänzerische abgestellt, haben die nachtblauen Ensembles im ersten Akt tatsächlich etwas Traumhaftes. Geschickt passen Ted Brandsen und Youval Kuipers ihre Kampfspiele in das überlieferte Gesamttableau ein. Und grandios wirkt selbst vor politisch korrektem Hintergrund der Grand Pas Classique Hongrois im dritten Akt. Über alle Zweifel erhaben sind aber die Solisten – alle überstrahlend Olga Smirnova, die ja nicht die einzige Interpretin der Titelrolle ist, sondern sich bescheiden als nicht unbedingt eingeplante Raymonda-Besetzung hinter Maia Makhateli, Anna Tsygankova, Riho Sakamoto und Jessica Xuan eingereiht hat. Klar, dass ihr die Männer zu Füßen liegen und dabei leicht ins Hintertreffen geraten könnten. Doch Constantine Allen (Abd al-Rahman) und Victor Caixeta (als Jean de Brienne, alternierend mit Semyon Velichko) behaupten sich in der von mir besuchten Vorstellung bravourös. Große Sprünge machen schließlich alle beide.

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