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Mit Stanislawski aus Hongkong

Der Autor Pat To Yan

Was halten Sie vom deutschen Stadttheater?
Super ist, dass sich jeder auf seine künstlerische Arbeit konzentrieren kann. In Hongkong proben wir von 10 bis 18 Uhr mit einer Stunde Mittagspause, aber die Schauspieler haben vorher schon mindestens zwei Stunden gearbeitet, vielleicht Schultheater gespielt oder einen anderen Job gemacht. Darüber hinaus hat das deutsche Theater dank seiner öffentlichen Finanzierung die Freiheit, sich nicht oder weniger am Markt orientieren zu müssen. In Hongkong gibt es zwar eine gewisse staatliche Förderung, aber wir müssen immer auch Sponsoren finden und für ein möglichst volles Auditorium produzieren. Das bedeutet: weniger Experimente, weniger Innovation.

Heißt das, dass Sie hier jetzt etwas Neues ausprobieren?
Yan
Bislang habe ich eigentlich da weitergemacht, wo ich in Hongkong aufgehört habe – das ist für die Mannheimer Spieler neu genug (lacht). Es ist vielleicht nichts, was man noch nie gesehen hat, aber es ist seltsam und ungewohnt.

Können Sie das etwas näher erläutern?
Die Stanislawski-Tradition ist ziemlich wichtig für das Hongkonger Theater. Der erste Leiter der Drama School Hongkong brachte sie aus den USA mit, wo Rollen psychologisch und von ihren Intentionen her einstudiert werden. Ich selbst habe auch mehrere Jahre Psychologie studiert, das war mein Prüfungsfach. Mit fällt es leichter, Figuren von der psychologischen Seite her zu denken. Das ist zwar auch hier nicht total unbekannt, aber am Theater doch eher unüblich. Nach meinem Uni-Abschluss bin ich nicht gleich ans Theater gegangen, sondern habe einige Zeit als Bildender Künstler gearbeitet. Nicht sehr erfolgreich, deshalb habe ich es aufgegeben – aber ich bin immer noch fasziniert davon, gehe in viele Ausstellungen, lasse mich davon inspirieren. Möglicherweise ein eher ungewöhnlicher Hintergrund im deutschen Theater.

Wir sind ein bisschen überrascht von Ihrem Stanislawski-Zugang, wenn wir an all die allegorischen Figuren in «Sound Everywhere In The Universe» denken. Oder wie können wir uns die Psyche von einer Figur namens «Eine Ansammlung des Bösen im Menschen» vorstellen?
(lacht) Ich bin ja beides, Autor und Regisseur, und nehme in keiner dieser beiden Rollen Rücksicht auf die andere. Auch meine allegorischen oder metaphorischen Figuren sind immer noch Figuren – also kann ich mich ihnen als Regisseur auch psychologisch nähern. Vielleicht sollte ich noch hinzufügen, dass ich meinen Regiestil während meiner Studienzeit in London entwickelt habe. Damals war Katie Mitchell ziemlich en vogue, und sie ist verwurzelt in einer Post-Stanislawski-Methode. Auch bei mir ist das natürlich kein reiner Stanislawski, sondern eine postmoderne Variante, ein Mix aus vielen weiteren Einflüssen.

Das gesamte Interview von Eva Behrendt und Franz Wille lesen Sie in Theater heute 6/22