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Gewalt und Humanität

Eine Neuübersetzung vergegenwärtigt die archaische «Ilias»

«Die ‹Ilias› zeigt den blanken Irrsinn des Krieges», sagt Kurt Steinmann. Dass es darin aber einzig um Gemetzel gehe, sei Unsinn und ein Vorurteil, dem er früher selbst erlegen sei. 250 Tote zählt Steinmann in der «Ilias» zwar, Schilderungen brutalster Gewalt, daneben aber immer auch wieder Szenen von überragender Menschlichkeit. «Da keimt etwas auf, was das archaische Wüten übersteigt!» Die Geschichte von Thersites etwa, der vor die Armeespitze tritt und ihr Machtmissbrauch vorwirft: die Erzählung von der Zivilcourage eines Außenseiters. Oder der ergreifende Abschied Hektors von Andromache im sechsten Buch, die Vorwegnahme tausender melodramatischer Abschiedsszenen in der europäischen Literatur und in Hollywood. Im 24. Buch die Auslösung von Hektors Leiche: Da stoppt der Krieg für elf Tage, damit Priamos seinen Sohn beerdigen kann – «ein ganz und gar überraschender Moment der Humanität, der Versöhnung und des Verstehens, der bis heute zu bewegen vermag», hält Steinmann fest.

Seine Neuübersetzung von Homers «Ilias» erschien 2017, zehn Jahre nach seiner Übertragung der «Odyssee». Die habe ihn zunächst mehr interessiert, sie liege uns und unseren Erzählkonventionen näher, da müsse sich zwischen dem Erscheinen der «Ilias» ungefähr 750 und dem der «Odyssee» ungefähr 720 v. Chr. etwas gelöst haben. «Verbürgerlicht», sagt Steinmann: Die Erzählweise der «Odyssee» sei weltoffener, angepasst an einen internationalen Austausch, an Konventionen des Mittelmeerhandels; die Geschichte vom Überlebenskünstler in einer Welt der Gefährdungen steht uns näher als die Schlachtenlisten der «Ilias». Odysseus ist ein Trickser, ein Flunkerer und Überlebenskünstler, der seine Geschichten jeweils auf das Gegenüber abstimmt und sich die Biografien überziehe «wie Max Frischs Gantenbein». Außerdem, betont Steinmann, gebe es in der «Odyssee» eine Vielzahl großartiger Frauengestalten, wie man sie in der «Ilias» suchen müsste.

Den gesamten Beitrag von Andreas Klaeui lesen Sie in Theater heute 6/21