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Diva und Dame

Ein Nachruf auf die große Sängerin Christa Ludwig

«Singen muss ein Verströmen von Liebe sein» – war einer von Christa Ludwigs oft gesagten Credo-Sätze. Und beim Thema Erotik auf der Bühne vertraute sie, wie sie einmal hintersinnig zugab, ihrer Erfahrung: «Entweder, man hat alles selbst erlebt – oder glaubt wenigstens dran.» Überhaupt gab sich die Ludwig, die zunächst mit Bariton Walter Berry, dann mit dem Regisseur Paul-Émile Deiber verheiratet war, entwaffnend offen im Gespräch. Über die «Pressleiberl», die ihr als Octavian und Orlofsky den Busen abschnürten, konnte sie sich echauffieren. Und sie war in der Haifischszene, die auf jede Schwäche lauerte, vielleicht die erste, die von jener Phase sprach, die Stimme und Karriere gefährdet und in der plötzlich alle gute Erfahrung nichts mehr gilt, weil mit mühevoll eingesetzter Technik vieles neu aufgebaut werden muss.

Als sich Christa Ludwig 1994 von der Opernbühne verabschiedete, nach allein 769 Auftritten in Wien, wirkte das wie eine zweite Befreiung – nach dem dauernden Maßhalten, der ständigen Stimmvorsicht und dem verheerenden Lampenfieber. Bezeichnenderweise gab sie am Ende ein abgetakeltes, von Albträumen zerfressenes Weib: Klytämnestra, so sagte sie wie als Entschuldigung, sei doch ihr Elektra-Ersatz gewesen. Von nun an wechselte sie auf die andere Seite des Grabens. Im vorderen Parkettdrittel ihrer Wiener Staatsoper pflegte sie Hof zu halten. Nicht als huldvolle, unnahbare Diva, sondern als plauder- und kontaktfreudige, stets in hocheleganten Hosenanzügen erscheinende Dame.

Den gesamten Nachruf von Markus Thiel lesen Sie in opernwelt 6/21