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Homosexualität – (k)ein Problem?

Christian Spuck über seine Ballettversion von Virginia Woolfs «Orlando» in Moskau

In Ihrer Ballettfassung gibt es Pas de deux von Männern mit Männern und Frauen mit Frauen – wie ist das angekommen?
Es gibt einen Liebes-Pas de deux von Orlando und Sasha, also von zwei Tänzerinnen. Das war in den ersten Proben für die beiden Solistinnen sehr ungewohnt. Sie hatten Widerstände, sich anzuschauen und etwas Erzählerisches daraus zu machen. Später in den Bühnenproben war die Scham gefallen, und es hat super funktioniert. Die gleichgeschlechtlichen Pas de deux zwischen den Männern finden im abstrakten Teil des Stücks statt. Das war kein Problem.

In Russland ist Homosexualität seit 1993 nicht mehr verboten, aber gemäß eines Themenpapiers der Schweizerischen Flüchtlingshilfe von 2020 gibt es kein Verbot gegen Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung. 2013 wurde ein Gesetz geschaffen, das Propaganda «nicht-traditioneller» sexueller Beziehungen gegenüber Minderjährigen verbietet, und das hat die Diskriminierung gegenüber LGBTQI+-Menschen verstärkt. Was haben Sie davon in Ihrer Arbeit gemerkt?
Homosexualität ist in der Gesellschaft nicht akzeptiert. Das spürt man. In Moskau sieht man homosexuelle Paare in Bars und Restaurant, die halten vielleicht nicht Händchen, verstecken sich aber auch nicht. Auf dem Land muss es schwieriger sein. Ich arbeite ja in vielen verschiedenen Kompanien, und in jeder gibt es homosexuelle Menschen, wie es auch in jedem Betrieb Homosexuelle gibt. Am Bolschoi arbeiten 220 Tänzerinnen und Tänzer, 28 Ballettmeister – und niemand ist homosexuell. Das wird einem ganz klar gesagt. Jemand hat mir erklärt, wenn man sich in Russland als Homosexueller outet, ist das nicht gut für die Karriere.

Aber in Ihrer Arbeit – sind Sie da gehindert worden?
Überhaupt nicht. Bei der Medienprobe waren sicherlich 20 Fernsehkameras und unglaublich viele Journalisten. In Interviews kamen immer dieselben Fragen: Wie ist der Umgang mit Homosexualität im Stück? Sind sie gehindert worden? Konnten Sie sich künstlerisch entfalten? Das knüpfte natürlich an die «Nurejew»-Produktion von Kirill Serebrennikov und Yuri Possokhov an, die 2017 rauskam. Damals wurde die Generalprobe verschoben, und ganz Russland schrie: Die ist verschoben worden, weil es ein Nacktbild von Rudolf Nurejew gibt und einen schwulen Pas de deux. Mir ist im Bolschoi kommuniziert worden, dass die Produktion noch nicht fertig war. Ich hatte das Glück, sie zu sehen. Es ist eine der besten Produktionen, die ich in den letzten zehn Jahren gesehen habe. Sie ist berührend, absolut intelligent gedacht und geht ans Herz. Sie geht auch mit dem Thema Homosexualität bei Nurejew vollkommen entspannt um.

Das gesamte Interview von Lilo Weber lesen Sie in tanz 6/21