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Modernität als Tradition

Die Tanzschule Schaller in Altenburg

In der Familie Schaller werden bis heute wunderschöne Andenken vererbt: Arbeitsjournale der Vorfahren, Fotografien und Urkunden, Tagebücher und Ballfächer, die als Tanzkarten dienten: Der Herr verzeichnet seinen Namen hinter dem jeweils gewünschten Tanz. Die historischen Schätze zeugen von Traditionsbewusstsein, das freilich nie in Konservatismus umschlug. Jede Generation betrat Neuland, und Arno Schaller entpuppt sich im Nachhinein als doppelter Pionier: Er hat 1918 im Rahmen einer Fortbildung offenbar Dalcrozes «Bildungsanstalt für Rhythmische Gymnastik» in Dresden-Hellerau besucht und dort sogar eine Prüfung abgelegt – mehr Avantgarde geht kaum. Viel Sinn für künstlerische Bewegung legt auch Sohn Joachim alias Jim an den Tag, der eigentlich Tierarzt werden will, aber sich nach dem Besuch einer Ballettaufführung eines anderen besinnt: Er wird Bühnentänzer, ausgebildet in Leipzig, aktiv in Düsseldorf und Köln.

Als Vater Arno erkrankt, sattelt Jim um. Gleich im ersten Kurs, den er gibt, schlägt das Schicksal zu: Er verliebt sich in die 15-jährige Lieselotte Carls – und sie sich in ihn. Wer die Hosen in diesem außergewöhnlichen Treuebündnis anhat, ist offenbar für niemanden eine Frage: Jim spricht gern von «meiner Regierung» und meint die Gattin, eine in jeder Hinsicht außergewöhnliche Geschäftsfrau, Mutter, Netzwerkerin, Bürgerin. Lilo bleibt agil bis ins hohe Alter, ist beliebt und hochgeschätzt und kann am Ende auf ein Lebenswerk zurückschauen, das sich mitnichten als «Frau an seiner Seite» erschöpft. Weitgehend manövriert die tüchtige Schallerin die Tanzschule durch den Zweiten Weltkrieg, auf den ein Entnazifizierungsverfahren folgt, auch weil Jim sich ein Parteiabzeichen hat anheften lassen – um, wie es heißt, seinen Schwiegervater, einen Freimaurer, aus der Gefahrenzone zu kriegen.

Danach halten Lilo und Jim die Tanzschule unter DDR-Vorzeichen auf Kurs. Kurze Zwangsverwaltung, dann übernimmt das Paar das Ruder. Anbruch einer goldenen Ära des Gesellschaftstanzes – im Westen sah’s kaum anders aus: Tüll, so weit das Auge reicht, Benimmunterricht à la TV-Knüller «Kudamm 56», Turniere und Urkunden und Tanzkreis, ganz Altenburg pilgert wieder in die «Johannis 23». Man spricht bis heute von der «Schaller-Familie» und meint nicht etwa die Bluts-, sondern die Wahlverwandtschaft, die der gemeinsame Besuch der Tanzschule stiftet und ganze Generationen von Altenburgern freundschaftlich miteinanderverbindet. Schallers sind eine Institution, fast schon ein Wahrzeichen wie die Spielkarten, für die der lauschige Ort in Osttüringen Berühmtheit in aller Welt erlangt.

Den gesamten Beitrag von Dorion Weickmann lesen Sie in tanz 6/21