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Erkenne die Lage!

Thomas Melle über Erben und Leben

Ein schöner Themenkomplex in Ihrem Stück ist das Erben. Eigentlich leben wir ja in der Illusion, einer meritokratischen Leistungsgesellschaft anzugehören. Ist natürlich Unsinn, man muss nur auf das Bildungswesen und einschlägige soziale Startvorteile schauen. In noch verschärfterer Form gilt das für Menschen, die dank Erbe finanziell unabhängig sind, und andere, die es eben nicht sind. Auch dem kann niemand entgehen, nicht einmal in Liebesbeziehungen: «Ist die Summe einmal draußen, verschiebt sich alles in einer Beziehung.» Auch Liebesbeziehungen sind heute durchkapitalisiert. Kann man natürlich gut bei Eva Illouz nachlesen. Das fängt schon im Restaurant an. Jemand muss zahlen, und auch wenn die Frau es nicht erwartet, gibt es so einen Gentleman-Zwang, zu sagen: «Ich lade dich ein.» Und es schwingt schon so ein atavistischer Hintergrund mit, ob der Mann fürs Familiennest sorgen kann. Das Kapital bestimmt auch die Romantik. Die Liebe ist durchsetzt vom Besitz. Für manche ist es dann der größte Stress, das richtige Badesalz zu finden. Und dann natürlich auch wieder Schuldgefühle, dass man diesen ganzen Reichtum nicht selbst verdient hat. Wie gesagt: Es gibt keinen Ausweg aus diesen Widersprüchen. Aber man muss gerecht sein: Auch Erben haben ihre Probleme.

Man muss aber auch nicht immer Mitgefühl entwickeln, zum Beispiel für «Leute, die sich über die Gentrifizierung aufregen / aber nicht raffen, dass sie selbst die Gentrifizierung sind.»
Kenne ich auch sehr gut, bin ich selbst oft gewesen. Hier am Mehringdamm, um die Gneisenaustraße herum, jedoch eher nicht, das ist eh bevorzugtes Wohngebiet von alteingesessenen 68ern, deren einst spottbillige Wohnungen jetzt ein Vermögen wert sind. Dazu kaufen alle Bio, Bio, Bio und gießen ihre Blumen, und wenn ich die Musik mal lauter mache, holen sie die Polizei. War es wirklich nur das, was Ihr damals wolltet? Ich schließe mich nicht aus, auch ohne Eigentumswohnung. Habe mir sogar neulich eine Kletterpflanze gekauft.

Kaufen Sie auch im Bio-Markt ein?
Nein, um Himmels willen! Und auch kein Netto und kein Aldi – das kenne ich zu Genüge aus schlechten Zeiten. Edeka, Rewe – das ist mein Revier. Nie Bio!

Das gesamte Gespräch zwischen Thomas Melle
und Franz Wille lesen Sie in der
Juniausgabe von Theater heute.