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Rien ne va plus

Pariser Leben im Notstand

Die Pariser Nationaloper rechnet mit einem Finanzloch von 25 bis 30 Millionen Euro, so der Spielbetrieb im September wiederaufgenommen werden kann – zuzüglich des Verlusts von 12 Millionen Euro, den im Dezember der längste Streik in der Geschichte des Hauses gezeitigt hatte. Doch wer glaubt noch an einen normalen Saisonbeginn? Tänzer berühren einander, Sänger und Bläser schleudern Speicheltröpfchen. Soziale Distanzierung und Theaterbetrieb scheinen schwerlich vereinbar. Martin Ajdari, Stellvertretender Direktor der Nationaloper, erklärt, es gebe so viele Ansichten wie Intendanten. «Einige meinen sogar, vor Januar werde gar nichts laufen.»

 

Emmanuel Demarcy-Mota weiß vermutlich besser als jeder andere Pariser Theaterdirektor um die Schwierigkeit – das Wort ist in seinem Fall krass verharmlosend –, ein Programm für die nächste Spielzeit vorzulegen. Er leitet gleich zwei Institutionen, die mit einer hohen Zahl an Veranstaltungen aus mehrere Sparten aufwarten: das Théâtre de la Ville (Tanz, Theater, Welt- und E-Musik) und das Festival d’Automne à Paris (Tanz, Theater, zeitgenössische E-Musik sowie Film und Ausstellungen). Um eine Größenvorstellung zu geben: Zwischen dem 13. März und kommendem Juli wurden am Théâtre de la Ville nicht weniger als 214 Vorstellungen von 46 verschiedenen Truppen, Ensembles oder Solisten abgesagt – «das sind 700 bis 800 Mitwirkende, von denen die Hälfte aus dem Ausland kommt». Für die 49. Ausgabe des Festival d’Automne, das jährlich zwischen September und Dezember stattfindet, arbeitet Demarcy-Mota nurmehr mit «Hypothesen». «So wie die Krankenhäuser ihren Betrieb der Notsituation anpassen mussten», erklärt er, «sind auch wir gezwungen, unser Programm je nach Lage zu adaptieren. Regulär bietet das Festival heuer 90 Produktionen, 548 Vorstellungen und 220.000 Plätze. Bleiben die Grenzen für Künstler geschlossen, die nicht EU-Bürger sind, fahren wir auf 60 Produktionen, 300 Vorstellungen und 70.000 Plätze herunter. Können gar keine Ausländer einreisen, sind es nur noch 50 Produktionen und 45.000 Plätze. Wir haben sogar eine Hypothese durchgerechnet, bei der die Saalbelegung auf 40 Prozent reduziert wird. Das ist finanziell nicht tragbar, es sei denn, wir erhielten massiv mehr Geld.»

 

Im privaten Sektor kann man sich derlei Rechenspiele nicht leisten. «Wenn wir unseren Saal so ummodeln, dass zwischen allen Zuschauern ein Meter Abstand bleibt, verlieren wir zweieinhalb Mal mehr Geld, als wenn wir geschlossen bleiben», erklärt Lhomme. Der Generaldirektor des Kabaretts Crazy Horse, das mithilfe von Choreografen wie Philippe Découflé den Striptease in den Rang einer Kunst erhoben hat, besitzt als Präsident des Syndicat national des cabarets, music-halls & lieux de création einen landesweiten Überblick. «Bis Ende August werden zwei Drittel der hiesigen Kabarette in den roten Zahlen sein», stellt er fest.

 

Den gesamten Beitrag von Marc Zitzmann lesen Sie in der Juniausgabe von Opernwelt.