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Pandämonium der Pandemie

Ein historischer Abriss von Anselm Gerhard

Die Cholera war vor dem 19. Jahrhundert außerhalb Asiens unbekannt gewesen. Doch fielen ihr in Europa zwischen 1830 und dem Beginn des 20. Jahrhunderts mehrere Millionen Menschen zum Opfer, darunter Berühmtheiten wie Hegel (1831), Clausewitz (1831) und Tschaikowsky (1893), möglicherweise auch Bellini (1835) und Chopin (1849). Felix Mendelssohn Bartholdy überlebte in London eine Infektion mit dem in der Regel tödlichen Erreger. Die allerorten eingeführten Quarantäne-Maßnahmen erwiesen sich im Rückblick freilich als weitgehend nutzlos. Entscheidend war die Übertragung durch Trink- und Abwasser. Erst mit der Durchsetzung einer besseren Hygiene auch in ärmeren Stadtvierteln wurde die Krankheit zurückgedrängt.

Schon vor der wissenschaftlichen Erforschung der Seuche vermuteten jene, die es sich leisten konnten, einen direkten Zusammenhang von Bevölkerungsdichte und Risiko. Im Frühjahr 1832, als die Cholera in Paris grassierte, verließen täglich etwa 700 Menschen mit dem Fuhrwerk die Stadt, um sich auf ihren Landgütern zu verschanzen. Das kommt uns irgendwie bekannt vor: In den zwei Tagen vor der Verhängung der Ausgangssperre am 18. März 2020 soll Paris etwa ein Sechstel seiner Einwohner verloren haben! Übrigens entstand während der Epidemie 1832 eines jener «opéra-ballets», die vornehmlich der Unterhaltung dienten: «La tentation», choreografiert von Jean Coralli – noch im gleichen Jahr 50-mal auf der Bühne der Opéra zu sehen.

Ein Seitenblick lohnt sich auch auf ein anderes prominentes Opfer der Cholera: auf den (imaginären) Schriftsteller Gustav von Aschenbach, der 1911 in Venedig an dieser Seuche stirbt. Der ins Wasser gebaute Sehnsuchtsort ist für Thomas Mann ein idealer Platz für die Infektion, «die vorzeitig eingefallene Sommerhitze, welche das Wasser der Kanäle laulich erwärmte, war der Verbreitung besonders günstig». Heute ist die Novelle «Der Tod in Venedig» unserem Gedächtnis vor allem durch Luchino Viscontis Film aus dem Jahre 1971 eingeschrieben. Auch an Benjamin Brittens Oper von 1973 und John Neumeiers Ballett von 2003 wäre zu erinnern – immerhin zwei Beispiele für die Erwähnung der Cholera auf der Bühne.

Denn es überrascht, wie selten das Theater vergangener Jahrhunderte derart einschneidende Alltagserfahrungen wie die Angst vor Seuchen spiegelte. Gewiss: Der umtriebige Eugène Scribe zeigte 1825, wie ein Marineoffizier in der Hafenstadt Le Havre die Furcht vor Sozialkontakten zum eigenen Vorteil einsetzt: Im Vaudeville «La quarantaine» geht dessen List auf, als er mit der Frau seiner Träume in voreheliche Quarantäne gesteckt wird. Das Lazarett von Marseille war 1842 Schauplatz eines vergnüglichen Einakters von Paul de Kock und Antoine Simonnin, aus dem Luigi Scalchi und der Komponist Francesco Maria Albini 1866 in Bologna eine sogleich vergessene komische Oper «Il lazzaretto ossia Un giorno in quarantena» werden ließen.

Den gesamten Beitrag von Anselm Gerhard lesen Sie in der Juniausgabe von tanz. Zum Beitrag.