Rezensionen Mai 2023
Foto: Markus Öhrn
nach Ingmar Bergman «Szenen einer Ehe» in Wien
Der schwedische Regisseur, Performance- und Videokünstler Markus Öhrn ist Experte für toxische Mann-Frau-Beziehungen, die sich quälend präzise steigern und meist in einer letalen Gewalteskalation münden. Dass er sich nun Ingmar Bergmans sechsteiligen TV-Serien-Hit «Szenen einer Ehe» vornimmt, der 1973 angeblich die Straßen leergefegt hat, weil jede:r sehen wollte, wie Marianne und Johan, ein vorbildliches, bürgerliches Mittelschichtsehepaar, seine zehnjährige Ehe gegen die Wand fährt, ist eine Art von schwedischem Exorzismus.
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Ein Paar mit Pappmaché-Masken sitzt auf dem Sofa in einer hygge Ikea-Wohnung, alles ist weiß und ordentlich. Sie sprechen in verzerrten Stimmen über Mikrophon, die ihre Geschlechterrollenbilder überhöhen (Elias Eilinghoff sehr tief, Bettina Lieder hoch wie eine Comicfigur). In einem Homestory-Interview für ein Lifestyle-Magazin soll das Vorzeigepaar das Geheimnis seiner Ehe erklären. Er lobt sich selbst in höchsten Tönen, sie ist seltsam defensiv und sagt: «Ich bin froh, dass ich das Leben leben kann, das ich lebe.» Zunehmend bleibt das Band hängen, wie im Rap laufen Sätze im Loop. Irgendwann klingt es, als ob sie froh wäre, dass sie überhaupt leben kann. Und eine Frage bleibt penetrant im Raum: «Hast du Angst vor der Zukunft?»
Der Horror kann nicht mehr lange auf sich warten lassen nach diesem surrealen Einstieg. In der zweiten Szene liegt das Paar nebeneinander im Bett, jede:r liest in einem Buch, bis das Gespräch dann doch aufs fehlende Sexleben kommt. Die Idylle kippt, als Marianne erwähnt, dass sie schwanger ist (also haben sie doch noch Sex?). Und er sie mit der Entscheidung, ob sie abtreiben soll, allein lässt. Mit blutendem Unterleib krabbelt sie aus dem Bett, schleppt eine meterlange Nabelschnur mit sich, schält einen Embryo heraus, den sie liebevoll streichelt, in Blut badet («Ist die Temperatur angenehm?»), dann aber brutal gegen die Wand schleudert. Als Johan dann auch in das Spiel einsteigt, wird er zuerst von ihr gezwungen, ein Mama-Schaf zu spielen, sie vergewaltigt ihn und wichst mit der Nabelschnur. Aber dann ist man sich schnell einig: Wir wollen kein Kind. Sie ersticken das blutige Fleischstück unter der Bettdecke. Eine quälende Szene, die auch ein wenig ratlos macht. Marianne wird bei Öhrn zur Täterin, während sie bei Bergman geduldig alles runterschluckt. Free Liv Ullmann?
Öhrn bleibt erstaunlich nah am stark gekürzten Originaltext, legt aber spielerisch seinen brutalen Subtext offen. Je länger der Abend dauert, desto aberwitziger wird er. Szene drei sehen wir als Film: Marianne wartet im Landhaus, Johan kommt, um ihr zu gestehen, dass er sich in eine jüngere Frau verliebt hat und trennen möchte. Sie essen Pizza, trinken Bier mit Strohhalmen aus der Flasche. Mit Masken ist das eine groteske Angelegenheit und ziemliche Sauerei – die Schmatz-Geräusche werden lautstark übertragen. Am Ende beschüttet Marianne ihn mit Joghurt und Apfelmus, steckt ihm ein Würstchen zwischen die Zähne.
Die gesamte Rezension von Karin Cerny lesen Sie in Theater heute 5/23