Rezensionen Mai 2023
Berg: «Lulu» in Darmstadt
Spätestens wenn Mädchen anfangen, Klassiker für Erwachsene zu lesen, gewöhnen sie sich daran, Frauen aus männlicher Perspektive kennenzulernen. Das erweitert den Horizont, solange man nicht vergisst, wer da blickt und spricht. Im männerdominierten Musiktheater potenziert sich das noch einmal: ein Allgemeinplatz, der aber wieder Wucht bekommt, wenn es um Lulu geht. Von Männern erdacht, außerhalb und innerhalb von Frank Wedekinds Dramen «Erdgeist» und «Die Büchse der Pandora», außerhalb und innerhalb von Alban Bergs Fragment gebliebener Oper – auch am Staatstheater Darmstadt nun in der kanonisierten Ergänzungversion des just im Februar diesen Jahres verstorbenen Komponisten Friedrich Cerha zu erleben.
Dass eine Frau die «Lulu» inszeniert, das ist keine Besonderheit mehr. Trotzdem ist man vielleicht, im Falle eines Falles, besonders neugierig. Und Eva-Maria Höckmayr enttäuscht die Neugier nicht. Packend ist ihre hochkonzentrierte Lesart, in perfekter Verbindung mit einer Sternstunde des Staatsorchesters unter der Leitung des Darmstädter Generalmusikdirektors Daniel Cohen. Bergs intrikate Musik klingt so leicht und lyrisch, dass ihr Gewebe einem vor Augen tanzt. Dem starken Ensemble bleibt Luft zum Schöngesang. Es wird keine Aufführung einer Zwölftonoper geben, in der sich nicht einige trollen, aber weniger Gründe werden sie selten dafür finden. Doch hier: ein Abend aus einem Guss.
Paul Zollers Bühne wirkt zuerst riskant reduziert. In der Mitte der in mattem Zirkusrot ausgelegten Drehbühne: ein weißer Block – Podest und Opferaltar zugleich. Schwarze oder weiße Vorhangbahnen rahmen die Spielfläche und machen sie zu einem kompakten Würfel. Über Podest und Altar kreist gelegentlich ein Suchscheinwerfer. Selbstverständlich sucht er: Lulu! Zum Prolog in der Manege treten die 18 Darmstädter Statistinnen auf, die Höckmayr zu Beobachterinnen des Geschehens macht Zur Stimme des Tierbändigers decken sie die Körper auf, die wie Leichen unter Laken liegen: auf dem weißen Altar eine blutende Stellvertreterin der anscheinend bereits gemordeten Lulu, sternförmig um das Podest herum die anderen, die sich, enthüllt, nach und nach aufraffen. Man begreift bald, dass Lulu selbst mit den Frauen zusammen auf die Bühne gekommen ist. Jetzt stellt sie sich wie probeweise zur blutigen Stellvertreterin aufs Podest und bleibt eben dort. Es hätte auch eine andere sein können. Lulu, eine Frau.
Die gesamte Rezension von Judith von Sternburg lesen Sie in Opernwelt 5/23