Rezensionen Mai 2023
Andonis Foniadakis’ «Urlicht» in Kassel
Ursuppiger Nebel wabert über die Bühne des Staatstheaters, quillt aus vier Tunneln, die sich zum Parkett hin öffnen und nach hinten im Nirgendwo verschwinden. Es hämmert, zischt, schnaubt von der Tonspur, während ein Mann und eine Frau im Sichtfeld landen, ausgespien von einer der Röhren. Ein rohes Paarungsduell – Lustfaktor am Gefrierpunkt – hebt an. Er streckt sie nieder, nagelt sie an die Tunnelwand, bis ihre Unterschenkelzange seinen Nacken quetscht. Zwischendrin rettet sich das Paar in eine Umarmung, der Unterstrom der Begattung aber fließt Richtung Geschlechterkrieg, Gewalt, Gemetzel. Schon schießen zwei weitere Gestalten aus dem Dunkel, machen sich über die Frau her, reißen an ihren Gliedern, schleudern den Körper zu Boden, zerren ihn hoch, spreizen seine Beine bis zum Anschlag. Immer mehr Figuren, immer größere Kollektive sprinten aus der Finsternis. Sie ballen und balgen sich, kurven dicht gedrängt durch die Betonarchitektur, rotten sich zusammen, stieben auseinander. Nesteln, nagen, manipulieren unaufhörlich am Körper des Nachbarn herum – Objekt der Verheerung, Subjekt der Versehrung.
Das «Urlicht | Primal Light», das der Choreograf Andonis Foniadakis mit den Tänzer*innen des Staatstheaters Kassel entzündet, zeigt eine Seelenwelt in Flammen. Der innere Weltenbrand wird von Zerstörungsinstinkten befeuert, die dem Genom der Menschheit offenbar ebenso eingeschrieben sind wie dem Erbgut tierischer Bestien. Unfassbar, wie sich die zwanzig Tänzer*innen in die physische Techno-Symphonie hineingrooven, deren Soundschleifen Julien Tarride geknotet hat. Hilfreich sind die als poppige Melange aus Workout-Montur, «Raumschiff Enterprise»-Uniform und Cunningham-Leotard angelegten Kostüme von Anastasios Tassos Sofroniou, weil sie maximale Bewegungsfreiheit garantieren. Was im Verlauf des gut einstündigen Showdowns ebenso maximal strapaziert wird.
Den gesamten Beitrag von Dorion Weickmann lesen Sie in tanz 5/23