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Rezensionen Mai 2022

Wagner: «Lohengrin» in Leipzig

In Leipzig präsentiert man einen Wagner ohne aufgesetzte Überwältigungseffekte, Sentimentalität, zelebrierte Angstlust oder Kraftmeierei. Das beginnt schon damit, dass der Chor hinter dunklen Gazevorhängen meist unsichtbar agiert – wie eine tönende Wand. Nur an wenigen Stellen lässt die Beleuchtung die schemenhaften Silhouetten der Sänger in einer zweistöckigen Käfigkonstruktion sichtbar werden. Das Volk im «Lohengrin» erscheint als passive Masse, die manipuliert und regiert wird, nur reagiert, aber nicht selbst handelt. Umso konzentrierter spitzen sich in einer präzisen Personenführung die Konflikte der Figuren zu, die in dieses kalte Machtszenario hineingeworfen werden.

Die Einzelschicksale sind es, die einen fesseln, nicht die blockhafte Gegenüberstellung von guten und bösen Kräften. Alle Akteure, auch die Protagonisten der Intrige, sind in tiefer Einsamkeit auf sich allein gestellt: Telramund, der als ohnmächtig rasender Despot mit seinem Blindenstab um sich

schlägt, genauso wie Ortrud, die ihn mit dem Heerrufer hintergeht, einem korrupten Opportunisten, den sie sich durch erotische Zuwendung allmählich zum Putschisten hochpäppelt. Irgendwann zückt dieser eine Pistole, um die Macht an sich zu reißen, vereitelt jedoch ganz am Ende Ortruds Mordversuch an Gottfried, indem er ihr die Waffe entreißt und sie erschießt. In diese gewaltsame Welt platzt Lohengrin als die personifizierte Nächstenliebe und Verkörperung des Mitleids hinein – edel, hilfreich und gut wie der Held in einem Arztroman, aber auch so verletzlich, wie es die Idee vom moralisch absolut Guten in einer kriegstreiberischen Welt eben nur sein kann.

Die gesamte Rezension von Julia Spinola lesen Sie in Opernwelt 5/22