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Rezensionen Mai 2022

Anne Teresa De Keersmaeker: «Mystery Sonatas / For Rosa»

Die Bühne ist leer. Einzig ein großes, silbernes Objekt schwebt nebelumwoben hoch über dem Boden. Unablässig verändert es seine Form und entpuppt sich schließlich als ein auf der einen Seite silbern, auf der anderen golden gerandeter Rest von Tanzbodenbelag. Segelgleich dient er als einzige passive Lichtquelle in der dunklen, scheinbar endlosen Tiefe des Raumes. Fast mit Händen greifbar mutet der edelmetallen schimmernde Dunst an, der die Luft erfüllt: Licht, das sich als physikalischer Körper manifestiert wie die göttliche Gegenwart auf barocken Gemälden.

Fünf Tänzer*innen schreiten ruhig über die Bühne, dann schälen sich Laura Maria Poletti und Mariana Miranda aus der Gruppe heraus und geben mit ihrem Duett den Ton an: Trotz einiger großer Gesten verweilen sie in steter, nahezu inniger Umklammerung. Später löst sich Poletti von ihrer Partnerin und tanzt ein Solo, indem sie sich zögerlich das Oberteil abstreift und ihren bis auf einen winzigen Stoffstreifen nackten Oberkörper enthüllt. Das mutet schlicht an und ist doch von ergreifender Intensität: Ganz ohne narrativen Kontext vermittelt die Tänzerin eine ungewöhnliche Kombination aus Intimität, Verletzlichkeit und individueller Bravour.

Die gesamte Rezension von Pieter T‘Jonck lesen Sie in tanz 5/22