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Rezensionen Mai 2022

Shakespeare: «Hamlet» in Dessau

Der Geist ist für jede politische «Hamlet»-Deutung ein Problem. Handelt es sich um ein Überbleibsel aus voraufklärerischer Welt, ein Relikt des Volksaberglaubens? Kann man ihn psychologisieren als Halluzination eines traumatisierten Bewusstseins? Ist er der sichtbare Ausdruck für etwas, das wir dann doch ganz gut kennen, die Verschwörungstheorie? Oder anders gefragt: Bleibt der, dem Gewalt widerfahren ist, ihr zeitlebens verhaftet? Philipp Preuß und sein Team haben sich für eine Erzählweise entschieden, die all diese Möglichkeiten zusammenführt. Denn jede und jeder, der über den Tisch wie über einen Laufsteg nach vorne zu den Hamlets kommt, wird durch das Bühnenbild, aber auch durch ein meist leises, Unheil verheißendes Elektrodröhnen (Musik: Kornelius Heidebrecht) als Geist geframet.

So lösen sich Hamlets Freund Horatio (Sebastian Graf ), der Königsberater Polonius (Boris Malré), seine Kinder Laertes (Roman Weltzien) und Ophelia (Cara-Maria Nagler) sowie Gertrud (ebenfalls Cara-Maria Nagler) als Geister von der Tafel, während ihre jeweiligen Doppelgänger oder Doppelgängerinnen in Gestalt menschenähnlicher Puppen stumm und tot sitzen bleiben, in denselben leicht historisierenden schwarz-silbernen Kostümen (Eva Karobath) und Frisuren wie die Schauspieler:innen. «Geist: alle», steht auch im Programmheft. Existiert also der Hofstaat ausschließlich in Hamlets Fantasie oder Erinnerung? Und wie politisch kann «Hamlet» dann noch sein?

Die gesamte Rezension von Eva Behrendt lesen Sie in Theater heute 5/22