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Aus Liebe zur russischen Musik

In memoriam Michail Wladimirowitsch Jurowski

1971 war es, da nahm der am ersten Weihnachtstag 1945 geborene Sohn des Komponisten Vladimir Jurowski (und Enkel des Dirigenten David Block) an einem Dirigierwettbewerb teil. Michail konnte sich berechtigte Hoffnungen auf einen Preis machen, sein Talent war in ganz Moskau bekannt. Doch über die zweite Runde kam der junge, aufstrebende Musikus, der schon als Kind mit dem Komponisten Dmitri Schostakowitsch, einem engen Freund der Familie, vierhändig Klavier gespielt hatte, nicht hinaus. Die Prüfungskommission legte ihm – obwohl er sich bester Gesundheit erfreute – nahe, eine Krankmeldung einzureichen. Und das nicht etwa, weil den Herren sein Schlag nicht gefiel. Nein: Der einzige Grund für den insinuierten «Ausschluss» war, dass Jurowski Jude war.

In seiner Geburtsstadt etwa durfte Jurowski, obwohl man sein Talent für Opern kannte, nur am Stanislawski- und Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater arbeiten – die Türen des Bolschoi-Theaters blieben vor ihm verschlossen. Selbst Auftritte im Ausland wurden strikt reglementiert. Als die Komische Oper Berlin, immerhin ein Haus im sozialistischen Freundesland DDR, ihn 1978 für ein Dirigat verpflichten wollte, teilte man dem von Walter Felsenstein geführten Haus mit, Jurowski dürfe schon in den Graben steigen – aber ausschließlich für Ballettaufführungen.

Seiner Liebe zur russischen Musik tat dies allerdings keinen Abbruch (und ganz gewiss würde Jurowski all jenen Kulturstalinisten, die gerade dabei sind, die russische Kultur zu desavouieren, indem sie Stücke russischer Komponisten und Dramatiker absetzen, deutlich die Leviten lesen). Schostakowitsch, Prokofjew, Tschaikowsky, Rimsky-Korsakow, Mussorgsky, sie alle waren seine Hausgötter. Deren Werke kannte er auswendig, für sie fand er stets den richtigen Ton. «Richtiger Ton», das bedeutete vor allem, dass Jurowskis Interpretationen, sei es der symphonischen Schöpfungen oder von Bühnenwerken, nie in ein klischeehaftes Gergiev’sches Pathos abglitten. Der Glanz kam buchstäblich von innen, und auch das Glühen entsprang dem Kern dessen, was diese Musik implizierte. Das war nicht zuletzt auch ein positives Resultat seiner studentischen Assistenz bei dem genialischen Gennadi Roschdestvenski, dem Nestor der sowjetischen Musik nach 1945. Von Roschdestvenski lernte Jurowski die Kunst des (raffinierten) Understatements und darüber hinaus die Fähigkeit, mit dosiertem Schlag die größten Wellen in Bewegung zu setzen. Mag er auch das Charisma seines Förderers nicht gehabt haben – ein bedeutender Dirigent war Michail Jurowski in jedem Fall. Am 19. März ist Michail Wladimirowitsch Jurowski in seiner Wahlheimat Berlin im Alter von 76 Jahren verstorben.

Den gesamten Nachruf von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 5/22