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Der Tänzer als Instrument

Der britischen Choreograf Ihsan Rustem

Zu choreografieren begonnen hatte Ihsan Rustem bereits in jungen Jahren, als 14-Jähriger, wie er erzählt, als er beim Vortanzen für die National Youth Dance Company in London ein Solo kreieren musste. An dem Solo lag es, dass er aufgenommen wurde, glaubt er. Denn von Tanzen und Technik habe er damals keine Ahnung gehabt. «Erst stand ich an der Stange und kopierte den Tänzer vor mir, aber im Raum, ein Desaster – ich hatte keine Ahnung was ein Tombé pas de bourrée ist. Dann zeigte ich mein Solo und fühlte mich very Billy Elliot, ich hatte ja nichts zu verlieren, hatte nicht die Spur einer Chance.» Es ist dies eine weitere jener selbstironischen Anekdoten, die er in unserem Gespräch über zwei Kontinente hinweg erzählt: leichte Übertreibung von Understatement – der Witz liegt im Paradoxon. Tatsache ist: Ihsan Rustem war ein profilierter Tänzer, technisch versiert, sehr präzise, sehr musikalisch. Und hoch musikalisch sind seine Choreografien, präzise in den Linien, energiegeladen und in ihrer Art eigenartig. Wenn auch diese Eigenart schwer zu benennen ist. Das gefällt ihm. Er möchte nicht in eine Schublade passen, sei stets am Werden.

Es gab früh bahnbrechende Begegnungen, jene mit Mats Ek beispielsweise in den Niederlanden. «Ich hatte nie zuvor so etwas gesehen. Die Beständigkeit seiner Pliés. Er kam, ein weiser, reifer Mann, und machte uns das vor – und ich konnte kein Ende sehen, kein Ende dieser Energie, die nach außen strömte. Das hat mein Verständnis von Tanz völlig verändert. Von da an versuchte ich immer weiter zu gehen, den Körper, den Atem weiter zu dehnen.» Und da waren die Begegnungen mit Jiří Kylián, dessen außergewöhnliche Musikalität den jungen Tänzer zum Klingen brachte.

Ihsan Rustem spielte die Violine, lange bevor er das Tanzen entdeckte. Er hatte damit als Sechsjähriger begonnen. Das habe die Art und Weise, wie er Musik höre, stark beeinflusst. «Für mich ist der Tänzerkörper ein Instrument, durch das wir die Musik sehen.» Seine Ballette lesen sich denn auch als Musikkörper in Vielstimmigkeit, als bewegten und bewegenden Chor. Musik ist ihm die wichtigste Inspirationsquelle. Er verbringt viele Stunden mit der Analyse, bevor er das Studio betritt. «Ich bin ein Zähler, ich zähle alles, ich liebe die Herausforderung durch die Musik.»

Den gesamten Beitrag von Lilo Weber lesen Sie in tanz 5/22

(Portraitfoto: Aline Paley)