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Nicht mehr zu retten

Akram Khan choreografiert Kiplings Dschungelbuch

Sie sind noch da, die sich an den Achseln kratzenden Affen, die anmutig schleichende Pantherkatze, das raufende Wolfsrudel. In der Darstellung durch menschliche Performer*innen sind die Tiere kinderleicht zu erkennen, wie man das eben erwartet von einer tänzerischen Adaption des «Dschungelbuchs». Auch Namen wie Mowgli und Baghira, Balu und Kaa haben der Choreograf Akram Khan und sein Autor Tariq Jordan den 1894 erschienenen Erzählungen des Nobelpreisträgers Rudyard Kipling entnommen. Aber das war es auch schon mit dem Identifikationspotenzial: Die Zeit für niedlichen Disney-Ulk und «Probier’s mal mit Gemütlichkeit» ist vorbei. Kinder sind im Publikum von «Jungle Book reimagined» zwar willkommen, aber zu lachen haben sie nichts. In düsterer Beleuchtung wird ihnen eine Welt vorgetanzt, die praktisch unbewohnbar ist. Menschenleere Städte unter Wasser sind der neue Dschungel. Und auch hier lässt sich nicht dauerhaft bleiben. Mowgli – von Anfang an ein Klimaflüchtling – mag den bedrohlichen Jäger mit dem Schießgewehr zwar besiegt haben. Aber das ändert nun einmal nichts daran, dass die Meeresspiegel erbarmungslos weitersteigen.

Die dystopisch neu imaginierte Dschungelwelt erfordert dabei besonders viel Erklärung. Ob die alte Legende, die eine (animierte) Elefantendame erzählt, oder die Streitgespräche zwischen der Albino-Pantherin Baghira und dem (offenbar russischen) Ex-Tanzbären Balu – alles wurde von zahlreichen Sprecher*innen mit unterschiedlichen Akzenten vorab aufgenommen und kommt bei der Aufführung vom Band. Das entsprechende Arrangement auf der Bühne lässt keine Zweifel, welche Figur gerade spricht, jede Silbe ist mit einer Bewegung gekoppelt, die oft überraschend konkret das Gesagte spiegelt. Umwehte Khans letzte Choreografien «Xenos» und «Outwitting the Devil» noch ein kunstvolles Geheimnis, buchstabiert «Jungle Book reimagined» – wohlgemerkt: ohne dabei auf Poesie zu verzichten – mit sämtlichen zur Verfügung stehenden Mitteln aus, was Sache ist: Der Mensch hat alles kaputt gemacht, und allerhöchstens die Kinder können die Erde noch retten (wahrscheinlich aber auch die nicht). Zu diesem Zweck wird sogar Greta Thunberg tanzbar gemacht. Ein Remix ihrer Kultreden («How dare you?» und «Bla, bla, bla») erklingt aus dem Pappradio und durchzuckt die Affen wie Peitschenhiebe. Interessanterweise wollen sie danach trotzdem so werden wie die Menschen und entführen Mowgli, die ihnen beibringen soll, wie das geht. Eine animierte Sequenz zeigt die jubelnden Primaten in einem Theater. Oder ist es ein Hohes Haus?

Den gesamten Beitrag von Martin Thomas Pesl lesen Sie in tanz 5/22