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Die reinste Form der Menschlichkeit

Nicole Chevalier über die Oper nach Corona

Das Publikum gehört zum Ganzen, zum Rhythmus, zum Prozess. Der Austausch, die Kommunikation, das alles ist direkt, das geht in die Weite, und deswegen gehört der Zuschauerraum für mich zur Bühne; es ist ein Raum für alle, die daran teilnehmen! Wenn jedoch niemand da ist, fühlt sich das äußerst seltsam an, ich frage mich: «Mit wem rede ich da gerade? Was mache ich da überhaupt? Kann und will ich das?»

Und: Wollen und können Sie?
Ganz offen: Für mich ist die Kunstform Theater, unabhängig davon, ob es Oper oder Schauspiel, Tanz oder Performance ist, nicht mehr lebendig, wenn niemand da ist, der sie sieht. Theater ist hier und jetzt. Und dann nicht mehr. Aber die Zuschauer waren da! Und auch ich war da, genau in diesem Moment. Eben das ist meines Erachtens so ungemein menschlich, es ist das Leben selbst, es ist Lebensenergie. Ich bin süchtig nach diesem Gefühl, nach Austausch und Kommunikation; das ist der Grund, warum ich das überhaupt mache.

Was glauben Sie: Wie sieht die Wirklichkeit nach Corona – so es ein «nach» überhaupt geben wird – aus?
Um das Theater muss man sich keine Sorgen machen. Es ist die reinste Form von Menschlichkeit. Es hat mit uns Menschen zu tun. Und wir als Menschen machen das. Theater schafft eine direkte Verbindung zu unserem ganzen Leben. Und deswegen wird es nicht aussterben. Was wir damit machen und vor allem: wie wir es machen, das ist eine andere Frage. Ich denke, dass es inzwischen mehr Künstler gibt, die ein anderes, weiteres Verständnis von Theater haben. Nur singen, nur tanzen, das genügt nicht. Es muss um die Frage gehen: Warum mache ich das? Und das ist eine existenzielle Frage. Wie die Frage, was der Mensch ist. Und welche Geschichten er zu erzählen hat.

Das gesamte Gespräch mit Nicole Chevalier von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 5/21