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Stief-Geschwister?

Die unüberwindlichen Nähe von Theater und Film

Jan Speckenbach Ich glaube, Film und Theater haben sehr wenig miteinander zu tun. Das ist eine Verwandtschaft dritten Grades, die gepflegt wird, obwohl man nicht viel miteinander anfangen kann. Ich habe immer den Eindruck, am Theater hat man ein Übermaß an Zeit zur Verfügung, in der Regel sechs bis acht Wochen Probenzeit, und in dieser Zeit ist alles denkbar, bis kurz vor der Premiere veränderbar. Diese Art von Flexibilität gibt es beim Film nicht, das weiß ich aus der Erfahrung mit meinen eigenen Kinofilmen. Da kommen alle möglichen Faktoren zusammen wie die Motivmiete, Abhängigkeit vom Wetter etc. Ich suche immer noch danach, wie man die spezielle Art von Freiheit vom Theater in den Film übertragen könnte. Aber auch was das Interesse aneinander betrifft, sind das zwei Welten. Die Filmleute gehen schon relativ selten ins Theater, Andreas Morell ist da eine echte Ausnahme. Und andersrum gibt es ein großes Interesse von Theaterleuten an Film, aber nicht unbedingt am deutschen Kino. Ich merke das auch immer beim Wechsel zwischen Theater und Film – da habe ich es jeweils mit total verschiedenen Menschen zu tun. Bis auf die Schauspieler*innen, aber selbst da gibt es unterschiedliche Schwerpunkte und Begabungen. Dass Andreas Morell sich als Dilettant bezeichnet, ist natürlich Koketterie hoch fünf. Aber ich kann’s verstehen, auch ich fühle mich immer noch als Zaungast, besonders am Theater. Was ich aber gerade gut finde, wie Truffaut, der mal in einem Spielberg-Film mitgespielt hat und meinte, das sei die beste Art, einem Freund über die Schulter zu schauen – in dem man einfach mitmacht.

Morell Ich glaube nicht, dass wir das Theater wirklich fürs Fernsehen aufbereiten müssen. Natürlich müssen wir eine adäquate filmische Form finden, aber mich interessiert, vielleicht weil ich vom Theater komme, das Theater auch als Theater sichtbar zu machen. Ich finde es völlig uninteressant, so zu tun, als wäre das ein Fernsehspiel. Bei mir gibt es auch mal eine einzige Einstellung, die 16 Minuten dauert, wenn Udo Samel ganz leise und konzentriert spricht – das ist alles andere als fernsehgerecht. Ich versuche vielmehr – und am besten mit dem Regisseur zusammen – das Theater in eine neue filmische Form zu übersetzen. Das führt dann manchmal natürlich dazu, dass mein Redakteur Wolfgang Horn, den ich sehr liebe, die Aufzeichnung von «Holozän» zwar sehr mochte, gleichzeitig aber halb ernsthaft, halb belustigt meinte: «Hoffentlich werde ich nicht entlassen.»

TH Haben Sie das Gefühl, dass Aufzeichnungen gegenüber dem Original defizitär sind, oder kommt da etwas Eigenes rein?

Morell Im besten Sinne kommt etwas Eigenes mit ins Spiel. Und trotzdem bleibt es natürlich oft defizitär. Es hat manchmal etwas von einem Kampf gegen Windmühlen. Ich werde immer wieder versuchen, den Weg einer Übersetzung in eine filmische Sprache zu finden, eine, die sich auch auf Augenhöhe mit der Theater-Inszenierung bewegt. Aber manchmal funktioniert es eben nicht. Das muss man dann einfach zugeben. Für Simon McBurney etwa, den ich sehr liebe, gibt es so eine Übersetzung vermutlich nicht. Für seine spezielle Art von Theatralität würde ich mich vermutlich schwertun, eine filmische Lösung zu finden.

Das gesamte Gespräch mit dem beiden Regisseuren von Eva Behrendt und Franz Wille lesen Sie in Theater heute 5/21