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Geduldsprobe over

Frauenquote beim Berliner Theatertreffen

Auch wenn das Berliner Theatertreffen wie so viele Festivals in diesem Jahr ausfällt – die erstmals hier geplante Quote für Inszenierungen von Frauen hat etwas bewegt. Ein Gespräch mit den Jurorinnen Margarete Affenzeller und Shirin Sojitrawalla

Affenzeller Ich beobachte bereits länger, dass sich etwas verändert, schon #MeToo hat gesamtgesellschaftlich einiges bewirkt. Die Schieflage bei der Repräsentation von Frauen rückt immer stärker ins Bewusstsein. Ich glaube, dass die Quote auf uns als Jury gewirkt hat: Gerade wenn es am Schluss hart auf hart kommt, hatten bislang oft die Big Names wie Johan Simons oder Simon Stone die besseren Karten. Die wurden wie gesetzt betrachtet. Umso leichter konnte man sich von umstrittenen Inszenierungen von Frauen verabschieden. Genau das geht jetzt aber nicht mehr. Einfach, weil jetzt einmal festgehalten wurde: Die Inszenierungen von Frauen sind genauso wertvoll wie die von Männern.

Sojitrawalla Ich glaube auch, dass die gesamtgesellschaftliche Dynamik für das Theater sehr wichtig ist, wie sich in jüngeren Vereinsgründungen wie etwa ProQuote zeigt. Aber auch in anderen Bereichen fällt mir das auf, etwa im Zählen der Autorinnen in den Verlagsvorschauen oder auf dem Cover der Zeitschrift «Journalist», die seit diesem Monat in der Hälfte ihrer Auflage mit der weiblichen Form als Titel erscheint. Und ich stimme Margarete zu, was unsere Schlussdiskussion betrifft: Die Quote ist wie eine Art Rückendeckung, die einem hilft, auf den Regisseurinnen zu beharren, deren Arbeiten man gut findet.

Behrendt Das ist interessant – denn in den letzten Jahren ohne Quote ist es trotz weiblicher Mehrheit in der Jury und trotz des ausdrücklichen Wunsches nach einem gendergerechteren Theatertreffen ja nicht gelungen, wenigstens 50/50 einzuladen. Wart ihr denn letzten Mai alle sofort einverstanden mit der Quote? Setzt sie bei einer Qualitätsauswahl wie dem tt an der richtigen Stelle an, müsste sie nicht eher beim Zugang wirken?

Sojitrawalla Wir hatten es ja schon anders probiert. Über die Besetzung der Jury mit mehrheitlich Frauen, was nichts genutzt hat. Bis die gesamte Theaterlandschaft sich wandelt, wird es auch noch eine Weile dauern. Deshalb finde ich es eigentlich nur konsequent, jetzt einen anderen Weg auszuprobieren, auch um einen Impuls zu geben.

Affenzeller Ich bin auch hundertprozentig bei der Quote. Wir hatten ja zuvor auch schon unsere Sichtungen auf den Frauen- und Männeranteil ausgewertet – ohne Erfolg. Es fehlte der letzte Impuls, sich für mehr Frauen zu entscheiden. Das jetzige Instrument ist viel effektiver. Jetzt wird das festgefahrene System in Bewegung gesetzt.

Behrendt Also auch eine starke symbolische Bedeutung?

Affenzeller Die Geduldsprobe ist einfach over. Ich langweilige mich ja selber schon bei diesem Thema.

Das gesamte Interview mit Margarete Affenzeller
und Shirin Sojitrawalla von Eva Behrendt
lesen Sie in Theater heute 5/20.

Das Theatertreffen 2020 findet nicht statt; sechs von zehn Inszenierungen sind jedoch online zu sehen.
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