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Tanz und Technik

Die Tänzerin Maria Baranova

John Neumeier wählte Maria Baranova unter allen Bewerberinnen für den Nachwuchspreis aus, für ein Stipendium an der Ballettschule seines Hamburg Ballett. 2008 war das. Da war Maria 16. Schon nach einem halben Jahr holte Neumeier sie ins Ensemble, wo sie mit verschiedenen Solopartien und Kreationen betraut wurde. Bei ihm lernte sie, die Favoriten ihrer frühen Jahre, den «Don Quixote» und das «Dornröschen», hinter sich zu lassen. «Ich hatte das Glück, dass er mich sehr mochte. Er lehrte mich, Ballett mit anderen Augen zu betrachten. Er lehrte mich, ich selbst zu sein und wahrhaftig – egal, was ich auch tue. John Neumeier ist so besonders, weil der dich über die Schritte hinaus in einen bestimmten Charakter verwandelt. Man lernt ganz neue Seiten an sich selbst kennen», beschreibt sie die Erkenntnisse, die ihr der Lehrmeister in Hamburg vermittelte, seinerseits an die Meriten seines Lehrmeisters John Cranko anknüpfend.

 

Auf der Basis einer tadellosen Tanztechnik, an der Baranova nicht müde wird zu feilen, gilt es den Charakter einer Bühnenfigur zu ergründen, zu erfahren, zu gestalten und mit dem eigenen Ich zur Deckung zu bringen. Sie liest zur Vorbereitung einer neuen Rolle alles, was sie dazu kriegen kann, schaut sich Videos an und recherchiert, wer das vorher schon getanzt hat. Aber: Sie kopiert niemanden, denn das, sagt sie, sei das Schlimmste, was man tun könne. Das zunächst Befremdliche einer anderen Figur im eigenen Ich zu suchen und zu entdecken, hat unter Schauspielern einen Namen: the method. Es war Lee Strasberg, der in New York an seiner eigenen Schule die Lehre des Russen Konstantin Stanislawski verfeinerte und perfektionierte. Und dieser Lehre bedient sich auch John Neumeier bei der Einstudierung neuer Charaktere. Die Methode ist das Rüstzeug, das Maria Baranova dabei hilft, sich auch Figuren, die ihr zunächst völlig verschlossen zu sein scheinen, anzuverwandeln. Phrygia zum Beispiel, die Frau des Spartacus, die dessen Sklavenaufstand mitträgt und selbst zur Kämpferin wird. Yuri Grigorovichs sozialistischer Realismus, der Anspruch, das Geschehen wahr und wahrhaftig erscheinen zu lassen, bereitete ihr Schwierigkeiten. Also tat sie, was sie immer tut: «Ich lerne die Schritte, um daraus die Emotionen zu entwickeln – und umgekehrt. Auf diese Weise taucht man immer tiefer in eine Figur ein.»

 

Das Porträt der Tänzerin Maria Baranova

von Eva-Elisabeth Fischer lesen Sie in tanz 5/20