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Rezensionen April 2023

Robert Harris «Vaterland» am Staatsschauspiel Dresden

In seinem Krimi «Fatherland» spielt der britische Autor Robert Harris einen alternativen Geschichtsverlauf durch, in dem Nazi-Deutschland die Rote Armee bis hinter den Ural zurückgedrängt, die Briten zum Aufgeben gezwungen und ganz Europa unter seinen Einfluss gebracht hat. 1964 – das Jahr, in dem der Roman spielt – feiert der «Führer» seinen 75. Geburtstag; seit einem V3-Abwurf über New York herrscht ein atomares Patt mit den USA, das nun in eine Phase der Entspannung übergehen könnte. Frank Castorf adaptierte den 1992 erschienenen Roman 1999/2000 für eine weitgehend vergessene Koproduktion am Hamburger Schauspielhaus und an der Berliner Volksbühne. Damals, am erklärten «Ende der Geschichte», schien wenig ferner zu liegen als ein Rechtsruck Deutschlands oder ein neuer Weltkrieg. In einem Nachwort zur Jubiläumsauflage 2017 schreibt jedoch Harris, dass nun «eine Stimmung wie in den Dreißigerjahren» in der Luft liege – «das Aufrühren dunkler Kräfte durch skrupellose Politiker, das Wiedererwachen von Nationalismus und Rassismus und, ja, Antisemitismus – ein Gefühl, dass eine lange, beständige Ära vergleichsweisen Friedens und Wohlstands sich dem Ende zuneigt». Was passiert, wenn sich niemand expansivem Totalitarismus entgegenstellt und Faschismus die Geschichte kontrolliert, davon handelt «Vaterland».

In Dresden nimmt Claudia Bauer nun einen neuen Anlauf. Die Eingangsszene, in der sich Nadja Stübiger als Kommissar Xaver März mit Sohn Paule und vier weiteren Blondschöpfen in bonbonfarbenen Trainingsanzügen Speer-City zeigen lässt, vermittelt tatsächlich einiges vom Bombast und Zynismus des fiktiven Siegerstaats – obwohl de facto nichts zu sehen ist. Nur einen schwarzen, auf Metallgestänge fixierten Holzkubus hat Andreas Auerbach für die Bühne entworfen. Im Lauf der Inszenierung offenbaren Videoprojektionen gelegentlich Blicke aus seinem undurchdringlichen Inneren; dann schieben sich Baumstämme oder eine teutsche Küchenzeile ins Bild. Doch im großen Ganzen: Black Box.

Den gesamten Beitrag von Eva Behrendt lesen Sie in Theater heute 4/23