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Rezensionen April 2023

Alexei Ratmansky «Tschaikowski-Ouvertüren» am Münchener Staatsballett

Ein Mann, ganz in gespenstisches Weiß getaucht, ringsum Stille. Bis er fünf Paare herbeibefiehlt, die sich wie eine fünfstrahlige Blüte um ihn scharen. Pirouettes en dedans, Caprioles, Sissonnes – hier wird die hohe Schule der klassischen Sprungtechnik zelebriert. Dann entfaltet der Mann eine majestätische Arabesque, gestützt, gespreizt, gesichert von Frauenhänden. Bis das Doppelquintett sein florales Muster wieder aufnimmt und auseinanderstiebt, im Krebsgang des Anfangs sozusagen.

Die ersten «Hamlet»-Minuten sind, wie die Musik, elegisch getönt und gleichwohl ein funkensprühender Auftakt. Shale Wagman ist der Mann in Weiß – der Dänenprinz, sein Vater, eine Fata Morgana? Das bleibt in der Schwebe, lässt sich in die eine wie in die andere Richtung ausdeuten. Zumal der folgende Auftritt mit einem kraftvollen Kontrast aufwartet, in Gestalt Osiel Gouneos. Athletisch strapaziert der Münchner Publikumsliebling seine Sehnen, Muskeln, Körperfasern bis an die physische Belastungsgrenze, begegnet Schattenspielern und -spielerinnen, die aus den Untiefen der Shakespeare-Tragödie auftauchen. Wie um Luft zu schnappen, eine Wimpernschlag-Impression an der Oberfläche zu erzeugen. Ophelia mit den gebrochenen Flügeln eines sterbenden Schwans. Gertrud mit pompöser Herzschmerzrabulistik. Hamlets misshandelte Silhouette, die auf offener Bühne liegen bleibt. Eine geschundene Kreatur.

Ganz anders «Der Sturm», den Ratmansky mit den Kräften einer zivilisierten Natur und den Mächten des neoklassizistischen Tanzes entfesselt. Für den Wellengang sorgen fein gestaffelte Ballerinen-Formationen, die so wirken, als hätte Petipa persönlich sie ans Gestade des «Schwanensee» gezaubert. Dann der ultimative, blitzschnell h ereinbrechende und wieder verwehende Bruch mit der Ästhetik: einseitig aufgepflanzter Spitzenschuh, Schulterschütteln in Go-go-Girl-Manier. Nur ein, zwei Sekunden, schon führen wieder imperiale Relevés und Ballonnés Bewegungsregie. Bis sich am Ende aus der Bilderfülle ein heroisches Schlusstableau herauskristallisiert: Indem der Tänzer António Casalinho die Haltung kopiert, die der Bildhauer Giambologna einst seiner Statue des geflügelten Merkur verlieh.

Den gesamten Beitrag von Dorion Weickmann lesen Sie in tanz 4/23