Rezensionen April 2023
Händel «Belshazzar» im Theater an der Wien
Händels bibliophiler Librettist Charles Jennens destillierte 1745 für «Belshazzar» aus den alttestamentarischen Büchern Daniel, Jeremiah und Jesaja sowie zwei historischen Schriften (Xenophons «Kyrou paedeia», Herodots «Histories apodeixix») eine (un)moralische Geschichte, die sich im alten Babylon zuträgt, der Hauptstadt der Assyrer. Dort regiert mit unverhohlenem Zynismus und horrender Gewaltbereitschaft der König Belshazzar. Marie-Eve Signeyrole zeigt ihn in ihrer Inszenierung als einen Mann, dem nichts, aber auch gar nichts heilig ist. Kaum eine der sieben Todsünden lässt dieser Tyrann aus. Robert Murray spielt und singt ihn mit inbrünstiger Energi. Wo möglich, frevelt er und lästert er Gott. Aber das genügt Belshazzar nicht. Er gibt sich überdies als ausgemachter Sadist zu erkennen, der die Juden behandelt wie eine Horde räudiger Hündinnen und Hunde. Alle Gefangenen tragen, als desozialisierte und entpersonalisierte Unterworfene, ein enges, stählernes Halsband mit einem rotblinkenden Stein, und offenkundig hat der Nachfahre Nebukadnezars jenes Postulat falsch verstanden, nach dem der Mensch sich die Erde untertan machen möge: Für ihn bedeutet dies, dass er seine Feinde quälen darf – bis auf die nackte Haut, aufs Blut und bis aufs Sperma. Damit das auch «sichtbar» vermittelt wird, lässt er seine gesammelten Untaten von einem Kamerateam filmen; der regierungseigene Sender «Royal TV» überträgt live aus dem Zentrum der Macht.
Dies liegt auf Fabien Teignés raffiniert erdachter Bühne auf einem erhöhten Level und bietet gleich zu Beginn den regierungstreuen, von Kostümbildnerin Yashi in steril-schickes Weiß gekleideten Babyloniern die Gelegenheit, das feindliche Heer zu verspotten, das vor der Stadtmauer ausharrt in der Wüste, jenem «Ort, der kein Ort ist» (Maurice Blanchot). Die Einrichtung des Palastes ist zweckmäßig. Ein Doppelbett für die Wollust, eine Chaiselongue für die Entspannung «danach», ein Schreibtisch für dringende Staatsgeschäfte und natürlich ein großer TV-Screen, auf dem das von Andreas Deinert und Georg Eisnecker in den digitalen Blick genommene Geschehen parallel in die Welt gesendet wird. Für den Betrachter resultiert daraus die nicht eben geringe Herausforderung, seine Wahrnehmung zwischen der gespielten Bühnenrealität und ihrer technischen Reproduktion zu teilen. Signeyrole hat dieses Prinzip schon mehrmals angewandt: in Strasbourg, bei «Samson et Dalila», in ihrer Dortmunder «Frédégonde»-Arbeit und zuletzt in Berlin, bei «Negar». Sie rekurriert damit auf die Welt, wie sie ist: eine Welt voller Bilder (die uns überschwemmen und uns dazu zwingen, den Fokus ständig aufzuweichen), eine gleichermaßen ungefähre wie flüchtige Welt, in der diejenigen, die im Besitz der Macht sind, diejenigen, die es nicht sind, nach Belieben terrorisieren.
Den gesamten Beitrag von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 4/23