Wir schreiben das Jahr 1972, Westdeutschland. Unlängst ist die Zeitschrift «twen» eingegangen, obwohl oder weil sie sich gegen die Prüderie der Nachkriegszeit aussprach. Es dauert noch sechs Jahre, bis das «konkursbuch» in Tübingen für eine befreite Sexualität kämpfen wird. Und noch einmal zwei Jahre später folgen Periodika wie «Sexualität konkret». Homosexualität ist und bleibt strafbar. Schwangerschaftsabbrüche sind tabuisiert und strafbewehrt, auch nachdem 374 Frauen sich 1971 in der Zeitschrift «Stern» selbst bezichtigt haben: «Wir haben abgetrieben». 1972, da war John Neumeier noch Ballettchef in Frankfurt am Main. In seinem «Le Sacre» tanzt Beatrice Cordua das Opfer. Sie tanzt nackt, entblößt, hinreißend. Sie tanzt den Skandal. Noch immer ist das Stück in Neumeiers Repertoire. Heute trägt die jeweilige Tänzerin ein fleischfarbenes Kostüm.
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Bis sie 45 Jahre alt war, tanzte sie bei John Neumeier, hat später an seiner Ballettschule unterrichtet. Balanchine-Technik. Ging 1994 mit Johann Kresnik an die Volksbühne. Heute gehört sie zum engen Kreis der Tänzerinnen um Florentina Holzinger, der Wiener Choreografin, in deren Stücken wie «Tanz» (tanz 11/19) sie als barbarische Tanzlehrerin ebenso nackt agiert wie in «A Divine Comedy» (tanz 10/21). Sie hat eine künstliche Hüfte, sie kämpft mit Parkinson, aber das hält sie nicht auf, weiterhin ihre unverschämt jugendliche Seite auszuleben, ihre Lust, die Bühne zu beglücken. Denn das kann sie noch immer. Darum wurde sie 2022 mit dem Deutschen Theaterpreis «DER FAUST» als beste «Darstellerin Tanz» in «A Divine Comedy» geehrt.
Mit Beatrice «Trixie» Cordua zu sprechen, gerät zu einer sensationell nüchternen Zeitreise. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, auch nicht den Toten gegenüber, schmückt nichts aus und schaut so nüchtern auf die Vergangenheit wie ein Ballettsaal nüchtern nichts versteckt, wenn er die Körper ins gleißende Licht rückt. Sie hat immer im Kontext von bildenden Künstlern gelebt, sie hat den Wiener Aktionismus geliebt, die progressive Kunst zu Zeiten der Studentenrevolte, «weil das waren unsere Freunde, Otto Muehl und alle. Mein Mann hat mich immer mitgenommen und ich, das war mein Glück, war nie eingeengt.» Sie tanzte nackt vor der Kamera ihres Mannes, sie kreierte ein eigenes Busen-Ballett, tanzte einen Schuhplattler nackt vor einer L agerhalle. Auf Kampnagel in Hamburg hat sie zu einem Stück über den Dichter Dieter Roth Schirmschläge von empörten Zuschauerinnen eingesteckt. «Ich habe auch gepinkelt. Auf der Bühne.»
Das gesamte Porträt von Arnd Wesemann lesen Sie in tanz 4/23
(Portrait: Barbara Dietl)