Der letzte Ring
Christian Thielemann dirigiert Wagner in Dresden
Niemand erzählt Neues, wer Thielemann als einen der profundesten Wagner-Spezialisten unserer Zeit bezeichnet. Aber die schiere Intensität, mit der Thielemann ohne jedweden Spannungsabfall 16 «Ring»-Stunden durchmisst, die Musikerinnen und Musiker jeder Instrumentengruppe zu Höchstleistungen befeuert, sie beeindruckt nachhaltig. Dabei mag der Umstand, dass die gemeinsame Zeit von Orchester und Dirigent nach der kommenden Saison enden wird, der zweiten zyklischen Aufführung ein Momentum gesteigerter Dringlichkeit verliehen haben: Atemverschlagend präzise durchleuchtet Thielemann das Leitmotivgeflecht, mit einer Tiefenschärfe bis in die kleinste Verästelung, was einen verblüffend durchhörbaren, flexiblen Klang zur Folge hat. Umso gewaltiger nehmen sich demgegenüber die geharnischten Blechbläserballungen aus, etwa im glanzvoll ausmusizierten Trauermarsch zu Siegfrieds Tod. Es ist aber insbesondere Thielemanns Befähigung, dem Solistenensemble einen Klangteppich zu bereiten, der diesem ein gänzlich unforciertes, unbedrängtes, dadurch exzellent textverständliches Singen ermöglicht.
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Nicht zuletzt liegt aber auch eine wehmütige Melancholie über diesem Ring: Waltraud Meier ist noch einmal Waltraute – in der Semperoper eine Premiere mit dieser eher kleinen Partie und gleichzeitig ihr Abschied: Vor 45 Jahren hatte sie die Rolle der flehentlich warnenden Walkürenschwester erstmalig gesungen. Christian Thielemann dankt ihr, etwas unbeholfen, im Schlussjubel für die stets kollegiale Zusammenarbeit. Warme Worte des Abschieds. Man wird sie im nächsten Jahr auch über den Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle hören.
Den gesamten Beitrag von Werner Kopfmüller lesen Sie in Opernwelt 4/23