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Hingabe

Die Schauspielerin Aenne Schwarz

Als Baby, so hat es ihr die Mutter erzählt, habe sie am liebsten im Dunkeln gelegen und vor sich hin gebrabbelt. Wenn ein Fremder in den Kinderwagen schaute, soll sie angefangen haben zu schreien. «Das stimmt wohl», sagt Aenne Schwarz. «Bis heute.»

Eine Schauspielerin, die am liebsten im Dunkeln liegt? Die Angst davor hat, angeschaut zu werden – geht das? Ja, sagt Aenne Schwarz. Denn wenn ein Theaterabend gelingt, wenn die Spielenden miteinander verbunden sind und alle das Raumschiff entern, dann werde es zwischen ihnen und um sie herum ruhig. Egal, ob sie gerade alle schreien oder schweigen, ob Musik spielt oder nicht, «wenn das Dritte kommt, wird es still». Aenne Schwarz sucht diese Momente mit dem «Dritten», das sich schiebt zwischen Spielerin und Rolle, zwischen Spielerin und Text. Wenn der Text stark ist, die Rollen gut gebaut sind oder beides, sagt sie, dann könne es passieren, dass die Figuren schlauer werden als die Spielenden. Sie gebe sich hin, wisse gar nicht genau, «aber ich vertraue: Das wird schon, das ist in Ordnung.»

In Jan Bonnys Version von «Philoktet» am Theater Basel passierte es wieder. «Wenn das Ding, dem du dich hingibst, so stark ist wie die Sprache von Heiner Müller – dann weiß man nicht mehr: Wer ist Pferd, wer ist Reiter?» Dann spreche nicht mehr sie den Text, «dann fängt der Text an, dich zu sprechen. Das ist eine ungeheure Erfahrung, weil man wirklich das Gefühl hat, das Dritte ist im Raum, was immer das auch ist, es ist, als sei man in Trance. Man verliert kurz den Boden, dann hat man es wieder, dann hält man es fest.»

Für Momente wie diesen nimmt Aenne Schwarz in Kauf, dass sie manchmal nicht gerne probt. Wenn so viele Leute zusammenkämen über mehrere Wochen, dann dauere es immer eine Weile, bis die Musik harmonisch sei. «Vorher ist es wie ein Orchestergraben, in dem alle ihre Instrumente stimmen.» Wenn in den Endproben «die Lichter an- und alle Schleusen aufgehen», kommt sie in ihr Element. «Wenn ich spiele und das Dritte kommt, ist es das Schönste der Welt!»

Das gesamte Porträt von Valeria Heintges lesen Sie in Theater heute 4/23

(Portrait: Ingo Hoehn)