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Rezensionen April 2022

Verdi: Aida in Dresden

Christian Thielemann ist bekanntlich vor allem ein Liebhaber des deutschen Repertoires und unternimmt eher selten Ausflüge ins italienische Fach. An diesem Abend dirigiert er tatsächlich seine erste «Aida». Wenn er aber mit der prächtig spielenden Staatskapelle Dresden in dieser Oper ein heimliches Musikdrama entdeckt, dann hat das mehr mit Verdis raffinierter Kontrastdramaturgie zu tun als mit Thielemanns ästhetischen Vorlieben. Vom ersten Einsatz der Violinen bis zum verlöschenden Liebestod des eingemauerten Paares ganz am Ende der Oper, wenn sich die Musik gänzlich in Licht auflöst, scheint in diesen drei Stunden alles grandios aus einem einzigen symphonischen Atem entwickelt. All die effektvollen Anleihen bei der französischen Grand Opéra – Chöre, Ballette und Tempelszenen – sind darin eingebunden. Und so erleben wir im Spiel der auf der Stuhlkante spielenden Staatskapelle statt einer staatstragenden Repräsentationsoper mit Elefanten und exotischem Prunk ein aufwühlendes Drama, in dem es um die Unvereinbarkeit von individuellen Sehnsüchten und einer übermächtigen politischen Realität geht, um die Unüberbrückbarkeit von Innen- und Außenwelt, von Traum und Wirklichkeit. Auch der berühmte Triumphmarsch mit seinen sechs langen Fanfarentrompeten auf der Bühne bedient bei Thielemann

nicht das kollektive Bedürfnis nach einem gemütserhebenden Mitklatschen, sondern zieht, statt im Ton einer geschmetterten Siegesgewissheit, als beinahe gespenstisch leeres und ernüchternd banales Kriegsritual vorbei – makellos weich und klangschön intoniert von den Solisten der Kapelle. Brutal zugespitzt wird die Dramatik am Ende des dritten und in der Gerichtsszene des vierten Akts, wie Thielemann insgesamt die tableauhaften Züge der Oper immer wieder durch einen vorwärtsdrängenden symphonischen Grundduktus auflöst. Das Herz dieser Musik aber schlägt für ihn unüberhörbar in jenen zarten, genau ausgehörten, surrealen Erfüllungsmomenten, in denen die Figuren jenseits des großen Opernpathos für Augenblicke zu sich kommen. Die Staatskapelle bietet hier all ihren Klangzauber auf.

Die gesamte Rezension von Julia Spinola lesen Sie in der Aprilausgabe von Opernwelt