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Rezensionen April 2022

Foto: Julian Röder

Susanne Kennedy: «Jessica – an Incarnation» in der Berliner Volksbühne

Susanne Kennedys neue Produktion «Jessica – an Incarnation» handelt von einer selbsternannten Prophetin und ihren Jüngern, die sich zu ihren Sitzungen offenbar in einer futuristischen Fantasy-Wüste treffen, irgendwo zwischen dem kali fornischen Death Valley und dem Silicon Val ley der digitalen Hightech-Industrie. Bühnenbildner Markus Selg hat dafür eine kleine Eremiten-Bühne in den großen Bühnenkasten der Volksbühne gehängt, über dem noch drei Bildschirme blinken, darunter dreht sich die Drehbühne mit mantramuster-bemalten Felsen und auf Portal, Bühnen- wie Eremitenschaukel-Hintergrund lassen sich mal identische, mal ineinander verspiegelte Videoanimationen projizieren. Klingt komplizierter, als es ist, denn tatsächlicher Wirklichkeitsschwindel stellt sich kaum ein: Die verschiedenen Ebenen bleiben den Betrachter:innen Schicht für Schicht transparent und jederzeit gut als Theaterillusion erkennbar.

Vom Handlungsverlauf lässt sich dergleichen allerdings kaum behaupten. Um dessen Konstruktion zu verstehen, empfiehlt sich dringend die rechtzeitige Lektüre des ErklärbärTextes auf der Website. Bei Jessica, die sich nach einer behaupteten Wiederauferstehung quasi im Existenzloop befindet, handelt es sich nämlich um eine sehr geschäftstüchtige Prophetin, denn sie hat außerdem eine Firma gegründet, «Anamnesis», «die es dank neuer Tech nologie erlaubt, auf das eigene Leben wie auf einen Film zurückzublicken – so, wie Nahtoderlebnisse von einigen im Nachhinein beschrieben werden». Ihre Jünger sind dabei gleichzeitig Workshop-Teilnehmer von «Anamnesis»-Se minaren, die meist in der Wüste abhängen und sich jeweils einen eigenen Reim auf ihre Lebensrückblick-Clips machen. Dazu setzen sie sich auf den kurzzeitig freigeräumten Prophetinnen-Sitz und schauen auf die rückwärtige Leinwand, wo in Dauerschleife eine vollständig unpersönliche Wurmloch-Simulation auf sie wartet. Nach kurzer Betrachtung erheben sie sich wieder und verlassen mit twas verstrahltem Blick den Platz ihrer Erleuchtung.

Die meist englischen Texte hat Susanne Kennedy aus einschlägigen Foren, Blogs und Posts aus dem Netz kompiliert, neu arrangiert und von Sprechern leicht mechanisch aufnehmen lassen. Sie werden als Playback eingespielt und von den Schaupieler:innen mit Mund- und Körperberwegung pantomimisch nachagiert, was einen im Raum oft schwer zu ortenden, zombiehaft raunenden Eindruck macht. Alle bewegen sich dem spirituellen Anlass angemessen ohnehin leicht schaumgebremst gehirngewaschen. Dazu tragen sie labbrige Feinripp-Unterwäsche – Prophetin Jessica (makellos yogagedehnt: Suzan Boogaerdt) in der Herrenvariante mit Eingriff – und unterschiedlich quer oder längs aufgeschlitzte Bluejeans (Kostüme Andra Dumitrascu). Im Tal des Todes ist es heiß.

Ob die nicht unerhebliche Komik mehr freiwillig oder unfreiwillig erscheint, bleibt dem/der Betrachter:in überlassen. Ebenso die Frage, ob hier esoterische Guru-und Sekten-Geschäftsfelder nebst digitalen Verschwörungsfantasien mehr gelebt, gefeiert oder kritisch ausgestellt werden. Oder soll gar mit etwas fadenscheinigem Hokuspokus unser aller Realitätsbezug auf die Probe gestellt werden?

Die gesamte Rezension von Franz Wille lesen Sie in der Aprilausgabe von Theater heute