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Süß, sexy oder cool

Auf den Spuren des K-Pop

K-Pop, koreanische Popmusik, ist ein Phänomen. Sucht man bei You-Tube nach Bands wie BTS, Blackpink, Monsta X oder NCT Dream, ist man überrascht von den Klickzahlen: Kaum ein Musikvideo hat unter 100 Millionen Aufrufe, und trotz der geringeren Popularität in Europa und den USA machen die südkoreanischen Gruppen westlichen Stars wie Ed Sheeran, Adele und Justin Bieber zahlenmäßig nicht nur Konkurrenz, sondern sind ihnen teils überlegen.

K-Pop-Gruppen haben jeweils ihre eigenen Choreograf*innen, nicht selten werden diese aus dem Ausland eingekauft und bringen eigene tänzerische Hintergründe mit. Die Choreografien sind extrem anspruchsvoll, auch weil bisweilen über 20 Bandmitglieder perfekt synchron performen.

In den Musikvideos sind Gesang und Tanz ausbalanciert – im Mittelpunkt steht nicht der Song, sondern die Gesamtperformance. Es herrscht meist eine positive Grundstimmung, Musik und Texte sind eingängig, oft (wenn auch nicht immer) geht es um Liebe. Gleichzeitig gibt es immer wieder soziokulturelle, gar politische Botschaften in den Texten, insbesondere BTS spielt für die weltweite LGBTQIA*-Community eine wichtige Rolle. Die Musik bedient sich derweil an Stilen wie Hip-Hop, Pop, Salsa und Reggae. Ästhetisch sind die Videos bunt, schrill, extrem schnell geschnittene Gesamtkunstwerke. Jeder Shot, jede Bewegung, jeder Blick: durchchoreografiert. Alles ist so detailreich, dass sich beim ersten Schauen unmöglich alles entdecken lässt. Für Minimalistisches, Raues, Unperfektes ist wenig Platz, es dominieren Hochglanz, Konzept und Style.

K-Pop-Gruppen sind fast immer entweder rein männlich oder rein weiblich. Die männlichen Künstler treten beinahe androgyn auf, weniger hart als beispielsweise westliche, männliche Stars. Sie sind geschminkt, haben perfekte, haarfreie, weiche Haut und sind stylisch gekleidet. Text, Gesang und Tanz werden auf das jeweilige Konzept der Gruppe abgestimmt, dominierend sind «süß», «sexy» oder «cool/edgy».

K-Pop zeigt: Es geht um Gemeinschaft, um Gleichtakt, Synchronizität, das Glänzen im Kollektiv – und Perfektion. Der K-Pop ist auch Spiegel der ostasiatischen Gesellschaft, die kaum individualistisch ist. Gleichzeitig ist K-Pop ein knallhartes Industrieprodukt, nach Marktforschungsanalyse gebaut und maßgeschneidert für Zielgruppen produziert. Die Gruppen müssen dabei genauso hart arbeiten wie Büroangestellte, die dafür gefeiert werden, dass sie nach Zwölf-Stunden-Schichten im Office einschlafen. Der Preis dafür: Regelmäßig gibt es Meldungen von Shitstorms, man hört von Knebelverträgen der Labels, die nicht nur stark in das Privatleben der Künstler*innen eingreifen, sondern Privates regelrecht verbieten. Und man hört von Zusammenbrüchen, auch Suiziden. Der Druck, unter dem die K-Pop-Gruppen stehen, ist enorm, und das Wissen darüber wirft die Frage auf, mit wieviel Genuss man dieses Genre konsumieren darf.

Den gesamten Beitrag von Hannah Meyer-Scharenberg lesen Sie in tanz 4/22

«KPOP.FLEX», Europas erstes K-Pop-Festival, findet in Frankfurt/Main im Deutsche Bank Park am 14. und 15. Mai statt; www.kpopflex.com