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Gewagte Experimente

Der Dirigent Teodor Currentzis

Bei manchen Ihrer Chorkonzerte bewegen sich die Sänger und Sie im Kreis – gibt es dafür einen tieferen Grund?
Ich mache das nicht, um jemanden zu beeindrucken oder seine Fantasie anzuregen, sondern um das Publikum zu ermutigen, sich aktiv zu beteiligen, kurz: um es zusammenzubringen. Und ich bin davon überzeugt, dass es vor allem das Gefühl ist, dass etwas Ungewöhnliches passiert, das viele Menschen erleben – und dass dadurch ermöglicht wird, etwas Neues in der Musik zu entdecken. Ich glaube, dass Musik nicht etwas ist, das wir aufführen müssen. Es ist etwas, das wir durchleben müssen. Das ist die geheimnisvolle Essenz des Theaters schon seit der Antike; mir scheint, als sei dies inzwischen ein wenig in Vergessenheit geraten. Deshalb bin ich froh, dass die Gemeinschaft, die wir zuerst in Perm und jetzt in Sankt Petersburg geschaffen haben, mir ermöglicht, meinen utopischen Traum zu verwirklichen: das Stereotyp zu brechen, den Zaun niederzureißen, der den Zuschauer vom Künstler trennt. In Sankt Petersburg habe ich ein kreatives Labor, das von Ihnen eingangs erwähnte «Dom Radio». Das ist ein nichtkommerzielles Projekt, unser Heim, zu dem wir Künstler, Musiker und Kunstschaffende einladen und gemeinsam experimentelle und pädagogische Arbeit leisten.

Im Prinzip gibt es diese Tendenz, das Publikum nicht in Form von Informationen, sondern intellektuell und emotional zu erziehen, nicht nur in der Musik, sondern auch in der Bildenden Kunst und in der Literatur. Ist das nicht eher eine pädagogische als eine künstlerische Aufgabe?
Ich glaube, dass die Zukunft der Musik in einem gebildeten Publikum liegt. Und mit «gebildet» meine ich nicht die Menge an Informationen, sondern die Einstellung zur Musik: die Art und Weise, wie man sich auf das Geschehen auf der Bühne einstellt; wie gut man die Sprache der Inszenierung versteht und wie genau man die Entwicklung des musikalischen Stoffes verfolgt. Das Problem ist: Zwischen der Kunst des Interpreten und der Wahrnehmung durch den Hörer klafft eine große Lücke. Mein Traum ist es, diese Lücke zu schließen. In Perm waren wir erfolgreich, weil die Menschen dort nicht an etablierte Theatertraditionen gebunden waren und leicht auf Neues reagierten. Aber man muss bei den Künstlern selbst anfangen. Schließlich haben die meisten Musiker, und das wissen Sie besser als ich, absolut keine Ahnung vom Theater, vom Kino, vom Tanz. Vom Orchestergraben im Theater aus können wir nicht sehen, wer auf der Bühne steht und was er tut. Schauspieler und Direktoren hingegen wissen wenig über Musik. Man muss dafür sorgen, dass Schauspieler und Musiker eine neue Beziehung eingehen, gemeinsam künstlerische Initiativen ergreifen und sich gemeinsam auf so vielgestaltige wie gewagte Experimente einlassen.

Das gesamte Interview von Alexej Parin lesen Sie in der Aprilausgabe von Opernwelt