Die Choreografin Joana Tischkau bedient sich als Vorlage für ihre Stücke gerne an populären Unterhaltungsformen, weil sich darin ein kollektives Imaginäres offenbart, ein Traum vom Anderssein, dessen unausgesprochene Fantasien sie gerne offenlegt. Ausgangspunkt für «Being Pink Ain’t Easy» war ein Musikvideo von CamRon, «Hey, Ma», aus dem Jahr 2002. Dass der US-Rapper darin ein rosafarbenes Bandana getragen hat, wurde in der HipHop-Szene als Zeichen für einen weicheren, weiblicheren Stil gelesen, der dem damals vorherrschenden hypermaskulinen Gangster-Rap die Stirn bieten sollte. Für Tischkau, die auch in Stücken ihrer Kollegen und Kolleginnen wie etwa in Anta Helena Reckes «Die Kränkungen der Menschheit» als Performerin mitwirkt, knüpft sich daran die Frage an, welche Körper durch die Farbe rosa eigentlich feminisiert werden. Der des Rappers im Video sicher nicht. Ist er doch von einer ganzen Phalanx leichtbekleideter Frauen umgeben, die seine Männlichkeit sicherstellen sollen. Der von Rudi Natterer auf der Bühne schon eher. Steht doch der Berufstänzer schon länger im Verdacht, verweiblicht zu sein.
Die Farbe Rosa
Ein Porträt der Choreografin Joana Tischkau
Bei aller Ernsthaftigkeit, mit der Tischkau ihre Themen verfolgt, vergisst sie, die in Gießen am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Choreografie studiert hat, jedoch nie, dass sie Theater macht. Ihre Stücke überzeugen auch durch ihre unbändige Lust am Verkleiden, Maskieren, Spielen und Tanzen, die jeden Anflug von didaktischer Belehrung sofort zunichte macht. Ihre Figuren tragen die gesellschaftliche und mediale Performance von Ethnie und Geschlecht zurück ins Theater, um sie dort lustvoll zu beleuchten und auseinanderzunehmen.
Durch geschickte Wiederholungen und Verschiebungen von Körpern und Kostümteilen öffnet Tischkau das Feld alltäglicher rassistischer Zuschreibungen und produziert dabei Ambivalenzen, die es auszuhalten gilt. Der Begriff «Playback», so der Titel eines ihrer Stücke, beschreibt für Tischkau daher auch eine Methode: ein Zurückspielen und Zurückspulen von Sequenzen wie bei einem Tonband, bis sich die Szene in ihre Bestandteile zerlegt hat, sodass ihre Unter- und Zwischentöne hörbar werden.
Den gesamten Beitrag von Gerald Siegmund lesen Sie in Theater heute 4/22
(Portrait: Hannah Aders)