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Highnoon im Theater

«Sonoma» live in Valencia

In Spanien – bei etwa gleichen Inzidenzwerten wie bei uns, wo alle Theater noch geschlossen sind – spielen die Bühnen immer weiter. Um das zu erleben, braucht man kaum mutig zu sein und nur in eins der wenigen, entsprechend überfüllten Flugzeuge zu steigen, um zu sehen, welchen Wert die Kultur hat in einem Land, das die Vorstellungen in die Mittagszeit vorverlegt, um der abendlichen Sperrstunde zu entgehen. Auch wenn man nur jeden zweiten Theatersessel freigibt, bleibt der Kunst hier ein Forum, das in diesen Zeiten alle so besonders dringend brauchen.

«Sonoma» heißt das Stück, das ohne Stream einen großen Atem versprühen darf. Die neun Frauen der spanischen Kompanie La Veronal wirbeln durch eine anspruchsvoll komplexe Choreografie. Sie können singen, sprechen, trommeln, stampfen. Und treten mächtig auf, wie uniformiert in strengen Glockenröcken, unter denen sie ihre Schritte derart weich ausführen, dass die Schultern nicht mitschwingen. Das wirkt am Anfang so, als würden sie sich auf Rollschuhen über die Bühne des Teatro Central in Sevilla bewegen. Silvia Delagneau, die Kostümkünstlerin, liebt sowohl die langen Kleider, die ein Geheimnis verbergen, als auch solche, die sich in der Pirouette zu Ballons bauschen. Sie liebt Anzüge, so groß geschnitten, dass in ihnen gar der Kopf verschwindet, und sie liebt, ebenso wie der Choreograf Marcos Morau, eine strenge Kleiderordnung, in der die Risse der Welt umso deutlicher sichtbar werden.

Ordnung, sie ist in unseren Zivilisationen gut geregelt. In Verboten und Gesetzen ist sie bis in die Grammatik hinein festgelegt. Denn denken könne man nur so, heißt es. Kunst aber will, dass dieses Denken aufweicht. Bei Marcos Morau, dem großen Choreografen aus Valencia, gibt es zunächst ein Bild, das jeder kennt. Es zeigt die Kreuzabnahme Christi. Ganz langsam tauen die neun Tänzerinnen aus diesem Tableau vivant auf und erheben ihre Stimmen. Auf Französisch heißen sie das Leid und den Schmerz willkommen, Pest und Cholera, die Überlebenden des Terrors und die Täter, die von Aleppo und Paris, dem Anschlag auf das Bataclan. Unmerklich entsteht aus der christlichen Klage eine immer freundlichere Vorstellung von einer Welt, die ohne Opfer so leer wäre wie ohne Täter.

Den gesamten Beitrag von Arnd Wesemann lesen Sie in tanz 4/21