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Inzucht oder Interpretation?

Georg Nigl über die Kunst des Kunstliedsingens

Ist ein Liederabend-Publikum orthodoxer als eines voller Wagnerianer?
Natürlich. Alle wissen’s, wie’s geht. Im Grunde ist das Lied-System eine völlige Inzucht, indem nur reproduziert wird, was erwartet wird.

Wie kommt man da raus?
Indem man nachdenkt. Alle haben ja immer diese abgehobene Genie-Vorstellung von den Komponisten. Doch der Mozart hat wahrscheinlich «Se vuol ballare» am Häusl geschrieben. Und Schubert hat wohl gestunken, war ein kleiner Mann und hässlich. Die wussten beide nicht, dass sie Genies waren. Das waren Menschen, die für Menschen geschrieben haben. Gerade deshalb bringt der Kontakt zu zeitgenössischen Komponisten so viel. Wenn ich mit Wolfgang Rihm telefoniere, dann ist da ein echter Mensch und keine abstrakte Vorstellung. Ich habe den «Schwanengesang» übrigens noch nie gesungen, muss die Lieder ganz neu lernen und habe sie mir nie angehört. Wenn ich nun die Noten und den Text sehe, bleibt mir die Spucke weg. Aber nicht, weil mir jemand gesagt hat, Schubert sei ein Genie. Dazu kommt noch: Die technische Qualität hat in den vergangenen 40 Jahren enorm zugenommen, die der Interpretation vergleichsweise fast gar nicht. Wer singt denn Schubert mit Verzierungen, wie sich’s gehört? Wenn ich das mache, stehen zehn auf und wollen mich von der Bühne schießen. Das heißt jetzt nicht, dass ich das Singen ohne Verzierung per se ablehne. Was ich meine: Wir haben’s uns alle so gemütlich gemacht. Wir glauben, wir wissen’s, wie es geht.

Henne, Ei – woran liegt es? Weil man Rezeptionen bedienen muss?
Ja, aber ich tu’s halt nicht. Wenn ich früher Mozart oder Schubert gesungen habe, hat man mir zwar zugestanden, dass ich der Wahnsinnige von der zeitgenössischen Musik bin – aber alle haben geglaubt, dass ich in Wahrheit gar nicht singen kann. Und wenn ich dann, nach langen Studien, Schubert sang, so wie es sich eher gehört, hieß es: «Aha, interessant.» Und sie fingen an, das Haar in der Suppe zu suchen: Da mal eine distonierte Phrase, dort mal eine Vokalverfärbung. Dabei tun das die sogenannten Etablierten ständig.

Das gesamte Gespräch mit Georg Nigl von Markus Thiel lesen Sie in Opernwelt 4/2021