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Stream of Survival

Theaterkunst in Zeiten von Corona

Im Musik- und Tanztheater mit ihren internationaleren Szenen hatten das Live-Streamen und das qualitätsvolle Aufzeichnen von Produktionen bereits vor der Corona-Krise Tradition. Im Dezember 2020 präsentierte Martin Schläpfer mit «Mahler, live» sein erstes Programm als neuer Leiter des Wiener Staatsballetts als formvollendeten Fernsehfilm auf «arte». Von der voyeuristischen Kamera, die der Tänzerin im kurzen ersten Teil von Hans van Manen auf ihrem Weg durchs ganze Theatergebäude auf den Fersen bleibt, bis zur ruhigen Totale im zweiten Teil, wenn zu Mahlers vierter Symphonie auf der Bühne Gruppenbilder aufblühen, zieht eine avancierte Bildregie die unterschiedlichsten Register.

Solche «Fernsehqualität» wird aber mittlerweile nicht mehr nur in Fernsehaufzeichnungen der Kultursender «arte» oder «3sat» erreicht, denn vor allem die großen Häuser produzieren auch selbst. Das Opernhaus Zürich, eines der ersten, das im ersten Lockdown aufs Live-Streamen umstieg und auch mit «3sat» kooperiert, bietet zusätzliche eigene Aufzeichnungen auf seiner Webseite an. Die Komische Oper Berlin, die Staatsoper in Hamburg und die Deutsche Oper am Rhein zeichnen Produktionen auf und verbreiten sie über ihre eigenen Webseiten sowie über Plattformen wie die mit EU-Geldern aus dem Programm «Creative Europe» finanzierte «OperaVision», die mit einem festen Netzwerk von 29 Opernhäusern aus 17 Ländern die europäische Musiktheaterszene abbilden will.

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Das Sprechtheater setzt als Streaming-Neuling den Fokus aus der Pandemie-Erfahrung heraus etwas anders. Für Harald Wolff, Dramaturg an den Münchner Kammerspielen, lautet der Arbeitsauftrag weniger, Fernsehqualität zu produzieren; er besteht vielmehr darin, die Eigengesetzlichkeit der neuen Online-Bühnen zu verstehen und zu nutzen: «Welche Spiele kann man online spielen, die aus dem Medium heraus gedacht sind?» An den Kammerspielen ergeben sich daraus interaktive Arbeiten wie «The Digital Assembly», eine Kombination aus gestreamtem Theater und Zoom-Konferenz mit einem moderierten Publikumsgespräch – doch nicht über die Produktion, sondern zum Thema der Produktion, so etwa zur Frage: «Wie können wir in einer polarisierten Gesellschaft im Gespräch bleiben?» Die Zuschauer sind dementsprechend eben nicht mehr nur Zuschauer, sondern Teilnehmer. Was, wie Dramaturg Wolff erläutert, einen positiven Effekt zeitigt: «Die Bereitschaft zum Gespräch ist online größer, vielleicht auch deswegen, weil man als Zuschauer bei sich daheim im Wohnzimmer sitzt.» Die Fakten sprechen hier eine klare Sprache: Mit ihren Online-Projekten erreichen die Münchner Kammerspiele ein neues Publikum über München hinaus, was wohl auch daran liegt, dass sie niedrigschwellig, nur einen Klick entfernt und gratis sind.

Den gesamten Beitrag von Sophie Diesselhorst lesen Sie in tanz 4/2021