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In die Rolle gefallen

Ein Porträt der Schauspielerin Lea Ruckpaul

Eigentlich kann sie alles. In Sebastian Baumgartens Regie von «Mutter Courage» verleiht Lea Ruckpaul dem comichaften Bühnengeschehen als stumme Kathrin eine fremde, poetische Ebene: kommentiert nur mit ihren Augen das Geschehen, stiehlt der Prostituierten die roten Schuhe, die ganze große Sehnsucht nach einem anderen Leben liegt in dieser Geste. Aufgefallen ist sie mir aber zuerst als Julia in «1984» (Regie: Armin Petras), die Geliebte von Winston, die ihn mit einem akrobatischen Liebesakt zum Glück verführt und am Ende mit ihm gehirngewaschen wird. Vermutlich ist es auch die geschmeidige Präsenz der Tänzerin, der man die frühere Ausbildung noch anmerkt, die den Blick an sie so fesselt. Ihr Großvater war ein erfolgreicher Turner, als Kind turnte sie auch. Dann wandte sie sich dem Tanz zu, Ballett, Flamenco, Tango, aber eine Tänzerinnenkarriere wollte sie schließlich doch nicht: «Dafür bin ich viel zu weich, viel zu sensibel, die Konkurrenz ertrug ich nicht», sagt sie. Am Theater laufe es deutlich gemeinschaftlicher ab.

Geboren wurde Lea Ruckpaul in Ostberlin, Prenzlauer Berg, zwei Jahre vor dem Mauerfall. Ihre Eltern waren erst Schreiner und studierten dann Bauingenieurswesen, die Kinder wuchsen ohne Fernseher auf. Als sie fast drei war, flohen die Eltern von Ungarn aus in den Westen. Mehrfach gaben sie sich als Urlauber aus, um in den Wäldern den Grenzübergang zu versuchen – und scheiterten, bis es mit jenem legendären tolerierten Massenansturm auf die österreichische Grenze dann doch funktionierte. Lea Ruckpaul hat nur verschwommene Erinnerungen an den historischen Sommer 1989, ihre Eltern erzählen bis heute unterschiedliche Versionen davon. Nur, dass sie nach der Flucht ihr Lieblings-T-Shirt vermisste, weiß sie noch. Lea Ruckpaul wuchs dann in Hamburg auf, ihre Schwester, die die Flucht im Bauch der Mutter mitmachte, hat dort gerade «Gerda Ruckpauls Tortenmanufaktur» gegründet.

Keine Theaterfamilie also. Schauspielerin wollte Lea Ruckpaul daher auch nie werden. Eher aus Zufall wurde sie Regieassistentin, spielte Theater bei einer Laiengruppe, schüchtern, wollte lieber unsichtbar sein. Der Gedanke, Regisseurin zu werden, kam ihr, als sie Cello auf der Bühne spielte und auf einmal spürte: «Das Cello ist auch eine Person, es kann gestalten.» An der Ernst-Busch-Schule bewarb sie sich für die Regieklasse und musste dafür einen eigenen Rollentext vorbereiten, Marion aus «Dantons Tod»,«mit riesigem Spaß, vor allen Dingen wegen Büchners Sprache, aber auch panischer Angst, ich dachte immer – ich kann doch nicht spielen». Sie fiel durch, aber der Eindruck, den sie bei der Jury hinterließ, war so prägend, dass sie einer der Professoren fragte, ob sie daran gedacht hätte, Schauspielerin zu werden. «Ich bin nach Hause gegangen und dachte – das kann ich doch nicht machen –, ich bin 1,60 Meter klein und blond – wenn schon, dann höchstens SchauspielER.» Als ihr der Professor der Ernst-Busch-Schule dann sogar einen Brief schrieb, um sie zu bestärken, hing sie den Regieassistenten-Job tatsächlich an den Nagel und bewarb sich an den Schauspielschulen.

Das gesamte Porträt von Dorothea Marcus lesen Sie in Theater heute 4/2021